Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1871)
- Date
- 1871-10-10
- Page
- Seite 831 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Rr. 41. Leipzig, den 10. October 1871. Auf und nieder. Erzählung. (Fortsetzung.) Auf der Universität angelangt und nachdem er seine Studien erst eingeleitet hatte, brachte Markus seine Empfehlungsschreiben ab, und sie hatten die gewöhnliche Folge, daß er einmal zu einem feierlichen Diner eingeladen und dann vergeben wurde. Nur mit zweien hatte er einigen Erfolg. Ein Professor, der nur wenige Zuhörer hatte, und welchem Markus um so mehr eine ununterbrochene Anwesenheit bei seinen Lectionen widmete, hatte Gelegenheit, ihn einem Engländer zu empfehlen, der in einem Vierteljahre die Elemente der hebräischen und chaldäischen Sprache erlernen wollte, diesen Versuch aber auch gut honorirte. Die Sache ging mit gutem Erfolg vor sich, und Markus freute sich der ersten selbsterworbenen Goldstücke mit großer Befriedigung; er dachte dabei an die wenigen Groschen, die ihm sein Lehramt in seiner Vaterstadt eingebracht, und er fühlte um so tiefere Dankbarkeit gegen seinen Oheim, der ihn von dieser Dienstbarkeit befreit hatte. Dieser Erfolg führte ihn aber auch in das Haus des Banquiers wieder zurück, bei welchem er nicht einmal das unvermeidliche Diner angenommen hatte. Der junge Engländer, der bei dem Banquier accreditirt war, sprach sich dorr so belobend , so eingenommen über unseren Markus, den Umfang seines Wissens und die Methodik seines Geistes aus, daß der Banquier ihn auch in seiner Familie zu verwenden beschloß. Der Banquier hatte eine einzige Tochter, Clara, welche, jetzt ungefähr 16 Jahre alt, sehr kränklich war, dabei einen eminenten Geist hatte und das tiefste Verlangen hegte, sich geistig zu beschäftigen, Unterricht und Belehrung zu empfangen. Sie hatte trotz der Hindernisse, welches ihr öfteres Leiden ihr schuf, schon umfassende Kenntnisse und war mit mehreren modernen Sprachen vertraut und mit ihren Literamren bekannt. Da sie nicht die Aussicht hatte, gesellschaftlich viel zu leben, stand ihr Sinn ganz besonders auf geistige Thätigkeit. Clara war durchaus nicht durch körperliche Schönheit ausgezeichnet; sie war mittlerer Statur, jedoch etwas mager; ihr bleiches Gesicht war wie durchsichtig; ihre großen schwarzen Augen trugen stets nur die Frage in sich: Kann ich Etwas für Dich thun? Mangelt Dir Etwas? und die hohe weiße Stirn war der Spiegel einer ruhigen tief innerlichen Anschauung; in eigenthümlicher Weise zog sie den Mund fast immer zusammen, was ihr noch mehr den Ausdruck des Nachdenkens verlieh; sobald sie ihn aber öffnete und zu sprechen begann, gewann der reine Klang ihrer Stimme und die Freundlichkeit jedes Wortes ihr das Herz des Zuhörers. Eine Schule hatte sie nicht besuchen können, und jetzt eben war die Gouvernante, die sie in den letzten Jahren unterrichtet hatte, für die Zukunft aber kauin noch die Fähigkeit dazu besessen härte, nach ihrer Heimath abberrrfen worden, und Clara bedurfte Jemandes, der ihr in diesem und jenem Fache Unterricht geben, im Ganzen aber ihre Thätigkeit leiten konnte. Dazu wurde nun Markus ausersehen. Es konnte bei Ctara's Zustande von einer regelinäßigen Unterweisung Tag für Tag nicht die Rede sein, da ihr Befinden eine öftere Unterbrechung zu bedingen pflegte. Dafür nahm sie ein ander Mal gleich einen halben oder ganzen Tag in Anspruch, und in Folge dessen wurde Markus für seine Bemühungen ein vierteljähriges Honorar ausgesetzt. MarkuS war diese Beschäftigung bald äußerst lieb, wie zum eigenen Bedürfniß geworden. Die Herzensgute, wie die Geistesgaben Clara's zogen ihn sehr an; sie hatte ein so leichtes Verständniß und ein so sicheres Urtheil, daß diese ihm selbst oft zu Hülfe kamen. Die Gegenstände, welche ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen, waren höchst mannigfacher Art, und selbst, daß nicht selten mehrere Tage Unterbrechungen eintraten, also keine ermüdende Regelmäßigkeit, gab der Sache einen eigenthümlichen Reiz. Beide junge Leute gaben sich diesem Verhältnisse mit völliger Offenheit und Unbefangenheit hin. Sie waren beide so reiner, sittlicher Natur, es handelte sich ja nur um Wissen und Erkennen, daß sie gegenseitig sich alle ihre Gedanken und Gefühle ohne Rückhalt erössneten, ohne daß dies eine weitere Beziehung zu einander hatte bedeuten sollen. Markus war mit diesem Verhältniß um so zufriedener, als er dadurch selbst zur Vervollständigung mancher Lücken in seinem Wissen ge-