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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-10 · Heft 41 (10.10.1871) · p. Seite 819

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 41 (10.10.1871)
Date
1871-10-10
Page
Seite 819 (sequence 3)
Language
German
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819 Forschung all diese Hirngespinste hinweggefegt und das wirkliche Entstehen der Freimaurerei auf das Jahr 17.17 und zwar aus den Bauhütten und Steinmetzbünden heraus, zurückgeführt hat. Während im vorigen Jahrhundert, als' in der europäischen Gesellschaft die mittelalterlichen Grundsätze, sowie der Absolutismus und der Pietismus noch obherrschend, doch aber bereits in sichtlichem Verfalle waren, die Geheimbündelei emporblühte, in dieser aber nur die Freimaurerei eine wahrhafte Bedeutung und Dauer gewann, weil sie sich von Aberglauben und Wundersüchtelei fernhielt, und auch in der Außenwelt eine hohe Achtung erlangte, besonders als Lessing die Grundsätze und Zwecke derselben in seinen berühmten Gesprächen „Ernst und Falk" zu verklären suchte: gerieth sie im Laufe dieses Jahrhunderts in Mißachtung, theils weil einer Zeit des Lichtes jede Geheimnißthuerei unangemessen, ja verdächtig erschien, theils weil die Werke und Wirkungen derselben, außer einer blühenden und doch abgeschlosienen Geselligkeit, gar nicht zu Tage traten, schließlich ihre Existenz als. exclusiv und sogar reactionär sich zu bethätigen schien. Und doch von der anderen Seite, welche Angriffe erfuhr sie, welche unübersehbare Bedeutung wurde ihr in anderen Gegenden beigelegt! In Belgien und Frankreich wurde und ist die Freimaurerei das Stichwort des Ultramontanismus, und noch heute wird dort Alles, was sich dem Jesuitismus und Romanismus enlgegenstellt, Freimaurer genannt. In Oesterreich und einigen anderen Staaten wurde die Freimaurerei verpönt, mit den strengsten Strafen belegt. Die Ultramontanen nehmen hier die Liberalen und die Juden zu ihrem Stichwort, weil eben die Freimaurer nicht vorhanden sind und doch dieselbe Niederwerfung ihrer Herrschaft droht. In Preußen wiederum hatte man das eigenthümliche Schauspiel, daß die Freimaurerei, trotzdem sie sich für spccisisch christlich ausgab und die Juden auöschloß, dennoch als unchristlich von der pietisiischen Partei, an ihrer Spitze Hengstenberg, angegriffen und geschmäht wurde, während die liberale ihr wegen der gedachten Grundsätze den Charakter eines humanitären Instituts abfprach und Reaction, die sie sogar einige Male aus politischem Boden versucht haben sollte, vorwarf. Es kann daher nur höchst willkommen sein, aus allem diesem Dunkel herauszukommen, damit, wie innerhalb der Freimaurerei selbst der große Proceß der Klärung und Läuterung vorsichgeht, auch die Außenwelt über diese geschichtliche Erscheinung nach ihrer Vergangenheit und Gegenwart aufgeklärt werde. DieS ist denn auch durch eine umsaffende Literatur bereits geschehen, und cs kommt jetzt nur noch darauf an, daß diese Außenwelt davon Notiz nehme und ihr die nöthige Kenntnis geschasst werde. Letzteres ist nicht immer so leicht, wie man es denken sollte. Meinungen, Borurtheile, welche durch ihre. Dauer eingewurzelt sind, werden nur langsam verdrängt, und können nur immer wiederholte Bemühungen zu diesem Ziele gelangen. Bevor wir jedoch in das Allgemeine deS Freimaurerthums eingehen, wollen wir die factischen Einzelheiten aus dem Findelschen Werke zusammenstellen, welche sich auf die Ausschließung und Aufnahme der Juden beziehen. Wir würden sonst diese unsere allgemeine Darstellung, die ja wegen des unS vergönnten Raumes doch nur skizzenhaft sein kann, unterbrechen, und gewinnen andrerseits schon von vornherein den rechten Gesichtspunct. Als der Freimaurerbund entstand und es zu seinem ausgesprochenen Grundsätze (§ 4 der „Alten Pflichten") machte, daß die Ausnahme Suchenden nur zu der Religion zu verpflichten seien, worin alle Menschen übereinstimmen, und daß der Bund über die trennenden Scheidewände. deS gewöhnlichen Lebens hinweggehen solle, hatte man wohl nur an die christl. Kirchen und Seelen, deren Zahl groß genug war, gedacht, wozu kam, daß damals die Juden in der bürgerlichen Gesellschaft noch eine Stufe einuahmen, von welcher man es gar nicht vorauösetzen konnte, daß ihr Angehörige in den Bund einzutreten wünschen könnten. Zugleich müffen wir bemerken, daß es ein bei den Nichtinaurern vielfach verbreiteter Jrrthum ist, als ob die Freimaurerei eine Einheit bilde und sich in einheitlichen Formen bewege. Vielmehr entstanden sehr verschiedene Richtungen und Systeme innerhalb derselben. Als nun von der Mitte deS vorigen Jahrhunderts an allmälig die Frage auftauchte, ob auch Nichtchristen, insbesondere Juden in den Bund aufzunehmen seien, wurde sie bald im westlichen Europa, insbesondere in England und Frankreich zn Gunsten des von der Freimaurerei bekannten Grundsatzes der Gleichheit .entschieden. Anders in Deutschland. Schon 17 00 hat die Provinzialloge von Frankfurt am Main eine neue von Caffel nachgesuchte Constitution zur Gründung einer Loge deshalb nicht gewährt, weil sich unter den Stiftern ein Israelit befand. Es mußte sich wohl diese Frage öfters wiederholt haben, da Lessing in seinen „Gesprächen für Freimaurer" (1778. 1780.) die damalige Freimaurerei der Entartung darum anklagte, 41*

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