Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1871)
- Date
- 1871-10-10
- Page
- Seite 818 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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818 gezeichneten geschichtlichen Werkes wollen wir es versuchen, auch den Lesern dieses Blattes einen Einlick in diese interessanten Vorgänge zu verschaffen. Wir wurden nämlich durch eine, im vorigen Jahre erschienene, jetzt aber erst verbreitete Broschüre aufmerksam gemacht: „Die Schule der Hierarchie und deS Absolutismus in Preußen. Eine Vertheidigung des Freimaurerbundts wider die Angriffe der „höchstleuchtenden" Großen Landeßloge der Freimaurer von Deutschland. Von I. G. Findel, Ehrenmitglied mehrerer Logen in Deutschland, England, Schottland, Frankreich und Italien. Leipzig, I. G. Findel 1570." Diese scharf und klar abgefaßte Schrift stützt sich auf die in einem größeren Werke desselben Verfassers niedergelegten Ergebnisse einer vorurtheilslosen und gründlichen Geschichtsforschung, und es war selbstverständlich, daß wir zu diesem, 1561 in erster und 1576 bereits in dritter Auflage erschienenen, XVI und 561 S. gr. 8 umfassenden Werke griffen: „Geschichte der Freimaurerei von der Zeit ihres Entstehens bis auf die Gegenwart. Von I. G. Findel. Dritte Auflage. Leipzig, 3. G. Findel. 1870." Hieran schloß sich noch eine sehr günstige Privatmitthcilung über nahe bevorstehende Beschlüsse einiger hervorragender Logen, die uns zukam, so daß wir, dem Freünaurerbunde fremd, doch den Gegenstand mit Sicherheit zu besprechen vermögen. Die Frage, was uns in diesen, den Interessen des Judenthums und der Judenheit gewidmeten Blättern die Freimaurerei angehe? wird uns wohl kaum eutgegentreten. Ein Institut, ausgebreitet fast durch die ganze civilisirte Welt, in kleinen, theilö autonomen, theils größeren Organisationen angehörigen Gruppen bestehend — was seinem Bestände Aehnlichkeit mit dem des Judeuthums giebt — das die höchsten Priucipien der Humanität als seinen Inhalt und Zweck bekennt, und vor Allem als seine Tendenz die Verbrüderung aller Menschen ohne Berücksichtigung der Verschiedenheiten in Stand, Nationalität und Religion, ohne diese Momente irgendwie angreifen und bekämpfen zu wollen, anrust, besitzt schon von vornherein die Theilnahme einer Religionsgenoffenschaft, welche so viele Jahrhunderte hindurch ein Gegenstand der Ausschließung, Unterdrückung und Verfolgung gewesen ist. Nachdem es sich aber herausstellte, daß innerhalb des Institutes ein heftiger und dauernder Kampf um diese Priucipien, um diese unterschiedslose Verbrüderung und Menschenwürdigung entbrannt ist, daß die Grundsätze der Ausschließung und der specifischen Confessionalität in ihm einen factischen Boden gewonnen, und ganz speciell daß von einem Theile der Logen und zwar der höchst gestellten die Ausschließung der Juden — denn dies sind doch in den überaus meisten Fällen die Nichtchristen — festgehalten werde, weil sie sich eben als specisisch christlich ansehen, mußte unser Interesse um so mehr wachsen und selbst ein specielles werden. Es spiegelte sich also auch in diesem kleineren Kreise der große Kamps ab, der seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in der ganzen civilisirten Gesellschaft geführt wird, und in welchem es sich nicht sowohl um die Juden als solche handelt, als vielmehr um 'die Verwirklichung des Rechtes, der Humanität, der Gleichheit vor dem Gesetze, der Demokratie im edelsten Sinne des Wortes gegen Feudalismus, Klerikalismus, Absolutismus, Obscurantismus. Wie könnten wir daher an diesem lehr- und erfolgreichen Kampfe theilnahmlos vorübergehen? Wir sind deshalb im langen Laufe unserer Redaetionsthätigkeit mehrere Male, aber nur oberflächlich darauf eingegangen, danken es aber den oben citirten Schriften, dies in etwas gründlicherer Weise jetzt thun zu können. Auch die Freimaurerei hat ihre eigenthümlichen Schicksale gehabt, die sich zunächst an das Geheimniß knüpfen, welches sie selbst um sich gebreitet und hartnäckig als zu ihrer Natur gehörig behauptet hat. Man schrieb ihr deshalb ein sehr hohes Alter zu, und wahrscheinlich glaubte die ungeheure Mehrheit der Freimaurer selbst an dieses Alter. Da jede Loge nur ihre eigene Geschichte kannte, und in vielen Fällen die Gründer der bedeutendsten Logen diese Geschichte mit Fabeln umgaben, so war der Jrrthum auch im eigenen Schoße leicht. Wie vwle Schriften sind nicht über den Ursprung der Freimaurerei geschrieben, von wie vielen ernsthaften Gelehrten diesem Gegenstände Nachdenken und Forschen gewidmet worden! Sie wurde zurückgeführt bis auf die Arche Noa's, auf den Tempelbau Salomo's, angeknüpst an den Orden der Essäer in Jerusalem,*- an Jesus und die Apostel, andrerseits an die Geheimbünde der Hellenen, an den Tempelritterorden, während die neuere *) Wir erinnern hier an die in vielen Beziebungen interessante Schrrst des Oberrabbiner I)r. L. Landsberg in Maastricht iAmsterdam, 1565) „Ein Blick auf das Freunaurerthnm vom ^tcmdpuncte des Judenlhums j11 welchem die aus den Essäern hervorgegangenen, un -r.almud öfters erwähnten „Banaiin" (Bauende) als dre Vorbilder der Freimaurerei aufgestellt werden (i. Jahrgang 1568, S. 1015). 1