Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1871)
- Date
- 1871-10-03
- Page
- Seite 815 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226839--29922-3252782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
815 habe ich zu Dir das größte Vertrauen, Du wirst niemals Verschwender werden und könntest sogar den Vergnügungen der Jugend ein wenig mehr Raum geben, ohne an Deinem Werth zu verlieren. Um Gotteswillen, werde mir kein Duckmäuser oder so eine Büchermotte, für welche gar nichts existirt, was nicht ein bedrucktes Blatt ist. Das Bankhaus, an das ich Dich gewiesen, ist eine charmante jüdische Familie, bei der ich auf der Durchreise einmal dinirte, und ich habe eS darum gewählt, damit Du da gleich einen Anhalt hast. Nun nimm und sprich." Markus hatte den Oheim auösprechen lasten, denn er wußte wohl, daß der Oheim Unterbrechungen nicht liebte, weil er eben bündig und mit einem Male ausdrücken wollte, was er zu sagen hatte. Es versteht sich, daß Markus zunächst seinem Oheim mit den wärmsten Worten die Fülle der Dankbarkeit ausdrückte, die ihn beseelte, und auf welche Samwel so großen Anspruch hatte. Dann fügte er hinzu: „Und nun, theurer Oheim, will ich auf Deine Aufforderung sagen, was ich wünsche. Mein Wunsch, mein innigstes Verlangen ist, Dir nachzuahmen und zu handeln, wie Du gehandelt." „Was heißt das?" fiel Samwel ein, „Du wir;: doch nicht wohl nach Amerika oder nach Batavia gehen wollen?" „Nein, mein Oheim, dazu habe ich keine Lust. Aber ich will möglichst auf eigene Füße mich stellen, will meine eigene Kraft versuchen, um mich vorwärts zu bringen, mir die Wege des Lebens selbstständig öffnen. Ich hege die Furcht, daß ich sonst gar zu leicht ein völlig abhängiger Mensch werde, der außerhalb seiner Bücher so unbehülflich ist wie ein Kind. Du hast selbst zu oft die deutschen Gelehrten deshalb verspottet, als daß ich nicht ein gleiches Schicksal fürchten sollte." „Das läßt sich hören, darin liegt Etwas. Ja, was willst Du aber dann thun?" „Ich will mir von Deiner Güte zehn Friedrichsdor erbitten; mein Director, Professor Richter, hat mir Empfehlungsbriefe gegeben, die mir weiterhin behilflich sein können. Dein Accreditiv behältst Du, aber einen Brief an die Familie kannst Du mir mitgeben. Ich verspreche Dir, theurer Onkel, sobald es mir nicht glückt und ich in Noch gerathe, mich an Dich zu wenden, und dann kannst Du mich auslachen, so viel es Dir beliebt. Du siehst, der Versuch, den ich machen will, ist durchaus von keiner gefährlichen Art." „Ich habe mir die Sache nun anders gedacht," erwiderte Samwel. „Wer studiren, wer in diesen kopfzer- . brecherischen Wissenschaften vorwärts kommen will, der muß keine Sorge um das tägliche Brod haben, den dürfen Arbeiten, die nicht dahin abzielen, nicht incommodiren. Das suchst Du aber gerade auf." „Es hat auch eine andere Seite, lieber Oheim. Ein Student mit stets gespickter Börse wird gar zu leicht zur Eitelkeit, Großthuerei und Genußsucht verleitet, wozu in diesem Stande, der sich doch aus so verschiedenen Standen rekrutirt, die Verleitung so nahe liegt. Ich habe dies schon als Gymnasiast gemerkt. Hat man diesen Weg aber einmal eingeschlagen, so kann Niemand wissen, bis zu welchem Endpunete er kommt. Laß mich also gewähren, theurer Oheim." Samwel willigte ungern ein, denn er gab gern, und that noch lieber mit seiner stochte und seinem Neffen und mit der Art, wie er sie behandelte, etwas groß. Er schüttelte den Kops und that, wie Markus es durchaus gewollt. tFortsctzung folgt.) Zur zweiten Sacularfeier der jüdischen Gemeinde zn Berlin. Die bei dieser am lo. September stattgefundenen .der ausgeführten, vom Herrn Rector Horwitz verfaßten Gesänge lauteten wie folgt: horbeter und Lhor. Aus Höhen, aus Tiefen erschallet der Nus Dem Gotte, der Himmel und Erde schuf, Ihn preiset der Wesen vereinigter Chor, Einmüthig hebt sich das Lob empor: Cljor und Gemeinde. Heilig, heilig ist Gott Zebaoth, die ganze Welt ist voll seiner Herrlichkeit! Vor bet er und Lhor. Der Einzige, Heilige, unsichtbar! Ihm nahet verehrend Israels Schaar. Von Anbeginn, zu jeglicher Zeit Hat Seinern Dienste es sich geweiht. Und wo es weilet, an jeglichem Ort Ertönt sein Lobgesang fort und fort: Lhor und Gemeinde. Gelobt sei Gott, Seine Herrlichkeit strahlt auf jeglicher Stätte! Vorbctcr. Wenn der Morgen erglüht, wenn herannaht die Nacht, Wird Israels Huldigung dargebracht, Ihm allein der erhält, Ihm allein der erschuf; So erneut sich tagtäglich jubelnd der Ruf: Chor und Gemeinde. Höre Israel, Gott ist unser Herr, Gott ist einzig!