Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1871)
- Date
- 1871-10-03
- Page
- Seite 814 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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814 Sie gingen hin, aber außer den Meublen fanden sie nichts. Die Schränke standen offen und völlig ausgeleert; es mußte Alles zerrissen, verbrannt oder hinweggeschafft sein. Jetzt nahm Lippert seinen Hut und sagte trocken: „Lina, ich muß zunächst eilen, über die ganze Angelegenheit Licht zu schaffen, die Schuldenmasse, sowie die etwa vorhandenen Compensationen festzustellen." Damit war er verschwunden. Lina fühlte wohl, daß ihr Bräutigam etwas anders hätte verfahren und ihr wenigstens einige Trostesworte hätte sagen sollen. Allein indem unbegrenzten Vertrauen, das sie auf seine Liebe und seinen Charakter setzte, entschuldigte sie ihn mit dem Schrecken, der ihn überwältigt und im Augenblicke nur an die Sache selbst habe denken lassen. Sie hatte sich getäuscht. Schon Nachmittags, nachdem sie grausame Stunden auf seine Rückkehr geharrt, lief ein Brief Lipperts ein, worin er ihr erklärte, daß, nachdem sich die Verhältnisse Samwels als rettungslos herausgestellt, er selbst aber seiner Psiicht gegen seine Aeltern eingedenk sein müsse, er mit zerrissenem, blutendem Herzen das Band zu lösen genöthigt sei, welches ihn mit ihr verbunden, und das sein höchstes Glück ausgemacht. Das war ein neuer und noch viel niederschmetternderer Schlag auf das Haupt des armen Mädchens. Wer vermöchte die Tiefe des bittern Schmerzes, ihrer bodenlosen Verzweiflung zu ermessen und mit Worten zu schildern! Das sind Stunden, in welchen sich Zwiefaches offenbart: wie unergründlich Tiefes des Menschen Seele zu empfinden und was unendlich Schweres sie zu tragen vermag! Und ooch mischte sich noch immer mehr Wermuth in das tödtliche Gift, das ihr so unvorbereitet gereicht worden. Die Gläubiger ihres Oheims überschwemmten dessen Wohnung, drangen in ihr Zimmer, überhäuften sie mit Schmähung und Hohn; Gerichtsvollstrecker erschienen, belegten alles Vorhandene mit Arrest und Siegeln und nöthigten endlich das verlassene Mädchen, mit dem, was unbestreitbar ihr Eigenthum war, d. h. mit ihrer Kleidung und den Schmucksachen, die sie zum Geschenk erhalten, das Haus zu verlassen und in der niederen Wohnung einer treuen Dienerin eine Zuflucht zu suchen. Sie konnte so nichts anderes thun, als ihrem Bruder zu telegraphiren, daß er schleunigst zu ihr komme. Er kam. Das Erste, was er that, war, Lippert Alles zurückzusenden, was er mit freigebiger Hand, freilich im Vertrauen auf die reiche Mitgift, seiner Braut geschenkt hatte, Alles, was als ein Andenken, als eine Erinnerung an ihn angesehen werden konnte. Dafür sandte ihm Lippert vierzehn Tage später seine Berlobungsanzeige mit Fräulein Olga Philipps. 7. Markus hatte seine Schwester von den Schlägen des Geschickes, die sie so plötzlich betroffen, wie gebrochen gefunden. Aus ihrem Gesicht war jede Rothe gewichen, nur daß von Zeit zu Zeit, wenn sie sich der Erregung überließ, umschriebene rothe Flecken auf den bleichen Wangen erschienen, Flecken, welche dem Kenner so sehr verdächtig sind, so viele Beforgniß einflößen; ihre Augen schauten weit aus, als ob sie stets Etwas suche und nicht finden könne; sie sprach wenig und vernachlässigte zwar nicht ihren Anzug, beschränkte ihn aber auf das Einfachste, Schmuckloseste. Vor Allem entfernte er sie aus ihren.bisherigen Umgebungen; er miethete in der Vorstadt zwei kleine Zimmer mit einem Gärtchen. Was Lina noch besaß, und wozu er''noch einige Mittel fügte, die er mitbrachte, genügte für einige Zeit, bis daß er auf irgend eine Weise den Lebensunterhalt für sie Beide finden konnte. Er widmete sich vorläufig ihr ganz allein; wie ein krankes kleines Kind behandelte und liebkoste er sie, verließ sie fast niemals und bezeugte ihr auf jede mögliche Weise seine brüderliche Liebe und Achtung. An diesem Stabe sollte die Tiefgebeugte sich wieder aufrichten, und allmälig die Wunde sich schließen durch den Balsam, den solche Bruderliebe zu bereiten vermag. So erschien Markus vor den Augen seiner Schwester voller Hoffnung für die Zukunft, voll Leichtigkeit für die Gegenwart, wir möchten sagen Freudigkeit für die Erfüllung seiner Obliegenheiten. Sein Auge glänzte so voll sanften Feuers, wenn er auf die geknickte Blüthe schaute, und sein schöner Mund zog sich zu einem so freundlichen Lächeln zusammen, wenn er ihr ein Zeichen des Wohlgefallens abgewonnen. Und doch war er anders, wenn er allein war. Er verfiel dann leicht in ein Grübeln und Sinnen mit sich selbst, seine Stirn furchte sich, sein Blick ward düster und seine Züge nahmen einen Ausdruck der Bitterkeit an. Dies war mehr, als die Erlebnisse der letzten Zeit Hervorrufen konnten. Ach, auch er batte eine Geschichte, aber sie war sein Geheimniß, und seine Schwester sollte sie niemals erfahren. Wozu den eigenen Gram noch mit dem um den geliebten Bruder vermehren? Als Markus zur Universität abgehen wollte, rief ihn sein Oheim am Tage vor der Abreise in sein Cabinet. Da lag auf dem Tische eine große, schwere Geldrolle und daneben ein Schreiben. „Du hast mich, mein lieber Markus," fing der Oheim an, „durch Dein vorzügliches Examen, durch die großen Lobsprüche, die Dir Deine Lehrer ertheilten, durch die Prämie, mit welcher sie Dich bei Deinem Abgang belohnten, so sehr erfreut, daß mir nichts zu viel ist, was ich für Dich thun kann. Hier habe ich eine Rolle von fünfzig Louisdor zu Deiner ersten Einrichtung, füge aber ein Accreditiv bei einem dortcgen Bankhause hinzu, so daß Du dort entnehmen kannst, wie viel Dir beliebt. Hast Du aber noch andere Wünsche, so theile sie mir mit; denn ich verstehe blutwemg^von dem gelehrten Krimskrams, daö die deutschen Pr°fe„°ren treiben, wie viel sie sich dafür bezahlen lasten und was da überhaupt erforderlich ist. Dagegen