Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1871)
- Date
- 1871-10-03
- Page
- Seite 813 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Femlleton-Mlage zu Nr. 40. Leipzig, den 3. October 1871. Auf und nieder. Erzählung. ,Fortsetzung.) Doch in der Stunde, die wir geschildert, auf dem Gange aus jenem reizenden Thale zur Stadt, bei dem innigen Verständnis, welches sich zwischen ihnen entfaltete und das Band, das die beiden Seelen umschlang, nur höher und heiliger erscheinen ließ, war alles Dies, was noch einer Differenz zwischen den Beiden gleichen konnte, völlig aus dem Bewußtsein geschwunden. Lina, ob sie in die funkelnden Sterne am Himmelsgewölbe, ob in die liebestrahlenden Augen des theuren Mannes schaute, fühlte sich so voll reinsten Glückes, so harmonisch befriedigt, so selig, daß sie sich selbst auf der Höhe wandelnd und den lautersten Aether athmend glaubte . . . Und doch war die Tiefe so nahe, schon vor ihrem nächsten Schritte geöffnet.... Lippert und Lina waren zu viel mit einander beschäftigt, als daß sie gewahrt hätten, wie der Onkel bereits seit Wochen ein sorgenvolles und trübes Gesicht mit sich herumtrug und überaus schweigsam geworden war. Da er über allerhand körperliche Leiden klagte, so schoben sie hierauf seine Verstimmung; doch wies er alle sorgende Pflege Lina's, ja jede ärztliche Behandlung entschieden ab. In solchen Dingen mußte man ihn gehen lasten, wenn inan ihn nicht aufbringen wollte. Am Morgen nun nach jenem herrlichen Abende brachte unserer Lina, als sie eben ihrem Lager entstiegen war, ihre Zofe einen Brief, in besten Aufschrift sie die Hand ihres Onkels erkannte. Sie ahnte nichts Arges, da er bisweilen diesen Weg gewählt, wenn er sie mit einem besvndern Geschenke hatte überraschen wollen. Aber welch ein Schrecken übersiel sie, als sie bald darin einen völligen Abschiedsbrief erkannte, ihr Oheim hatte sich heimlich entfernt, da er sein ganzes Vermögen verloren. Er habe männlich gegen das Mißgeschick gekämpft, Alles geopfert. um seinen ehrlichen Namen zu bewahren;. dockvergebens. Er sei abgereist, sie würde niemals erfahren wohin? und ihn niemals Wiedersehen, wenn ihm nicht noch einmal das Glück günstig wäre. Er lege die Hälfte von dem, was ihm übrig geblieben, einige Hundert Thaler, bei, um sie für die erste Zeit zu schützen, und hoffe, daß Lippert ein pflichtgetreuer Mann sei, in besten Liebe sie Ersatz und Trost für dieses Unglück fände. Der alte Samwel war verschwunden, und keine Spur von ihm konnte aufgefunden werden. Fürgen wir hinzu, daß er niemals zurückkehrte, niemals wieder ein Lebenszeichen von sich gab. Wo er das Ende seines vielbewegten Lebens gefunden, blieb unbekannt. Da er niemals ganz unthätig sein konnte, hatte er sich auch in der Residenz in Geschäfte eingelasten, die eine lange Zeit hindurch den besten Erfolg gehabt. Seine alte Begierde nach immer größerm Geschäftskreise begann wieder aufzuwachen, und als eine Handelskrise eingetreten, erlitt er empfindliche Verluste an seinem Vermögen. Anstatt nun zurückzutreten, sich mit seinem noch immer ansehnlichen Besitzthum zu begnügen und sich vielleicht etwas einzuschränken, ging er auf gewagte Speculationen ein, durch welche er seine Verluste wieder decken wollte. Es kam anders als er gehofft; er rang eine lange Zeit mit dem Geschicke, und sein großer Credit gestattete ihm, immer wieder gegen die ihn überstürzenden Wogen anzukämpfen, bis ein unauSfüllbarer Abgrund sich vor ihm geöffnet. Darum entzog er sich dem völligen Zusammenbruch durch die Flucht. Mitten in ihrem jähen Schreck empfand Lina noch tiefer den Schmerz, den theuren Oheim, der sich gegen sie und ihren Bruder so überaus zärtlich benommen, den Unbillen der Fremde und vielleicht des Mangels in seinen alten Tagen außgesetzt zu wissen, und daß er sich von ihr getrennt, die ihm ihre kindliche Liebe und Treue so gern mit der größten persönlichen Aufopferung bezeugt hätte. Jetzt konnte sie nichts Anderes thun, als Lippert schleunigst herbeirufen zu lasten. Er erschrak, als er sie bleich, mit gefalteten Händen, das Antlitz von Thränen überströmt fand; aber als sie ihm den Brief des Ohe'uns hingereicht und er diesen gelesen hatte, wurde sein Angesicht noch bleicher, und er stand eine Zeit lang unbeweglich da. Dann sagte er mit einer heisern Stimme: „Führe mich in das Zimmer Deines Onkels; es müsten doch Bücher und Schriftstücke da sein, aus welchen man den Umfang des Unglücks ersehen kann."