Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-03 · Heft 40 (3.10.1871) · p. Seite 800

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 40 (3.10.1871)
Date
1871-10-03
Page
Seite 800 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226839--29907-3252767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

800 Anschauungen der antiken Welt, wie wir sie gezeichnet haben, Vieles in der Verehrung der Heiligen als Schutzpatrone der Städte, verschiedener Beschäftigungen, ja jedes Individuums u. s. w. sich erhalten hat, also von der antiken in die christliche Welt übergangen ist. Man wird es daher von uns, die wir zwar vom jüdischen Standpuncte unser Urtheil fällen, ohne aber der geschichtlichen Wahrheit und Unparteilichkeit absagen zu wollen, selbstverständlich finden, daß wir es dem Juden- Lhume und dem dieses bekennenden Stamme zum großen Verdienste anrechnen, den Widerspruch gegen diese Vergötterung von Menschen, die seit der grauen Vorzeit bestand, stets erhoben und bis aus den heutigen Tag, und zwar mit der größten Hingebung seiner selbst, aufrecht erhalten und mit all seiner Kraft das Gegentheil gelehrt zu haben. In unserer Zeit steht die Sache so, daß die christliche Kirche, sei sie römisch oder griechisch, lutherisch oder reformirt, anglikanisch oder presbyterianisch u. s. w. das Dogma von der Gottheit Jesu und die weiteren sich hierauf bauenden Dogmen unzweifelhaft aufrecht erhält, daß das Judenthum ebenso unzweifelhaft bei dem Widerspruche beharrt, eine große Zahl von Christen aber, jenem Dogma fremd geworden, es nicht mehr in ihre religiöse Ueberzeugung einschließen. Die Entwickelung der Gesellschaft aber hat es zugleich bewirkt, daß dieser Gegensatz im Glanbenöbekenntniß für die Juden bürgerliche Beschränkungen, weltlichen Druck und Verfolgung nicht mehr hervorruft, und hiermit die freie Entwickelung der religiösen Ueberzeugung durch blos geistige Arbeit, blos geistigen Kampf ungehindert vorsichgehen kann. langes Leben und ewigen Ruhm." Aehnliches geschah unter den folgenden westgothischen Königen, und der Befehl, den Juden ihre Kinder wegzunehmen, wird wiederholt. Was war die Wirkung? Wo sind die Westgothen? Die Juden ließen ihre Kinder nicht taufen, sie gingen massenhaft zu den duldsamen Arabern über und leisteten ihnen Vorschub. So geschah es aller Orten, und gerade die Zerstreuung war das Nettungsmittel der Juden; es konnte Fanatikern und Tyrannen gelingen, sie zu bedrücken und zu verjagen, aber nicht sie auszurotten. Oie Parität der Lonftssionen im Staat. Man verwundert sich bisweilen über die Langsamkeit, mit welcher in Deutschland die politische und bürgerliche Gleichstellung der Juden vorgegangen ist, über die Schwierigkeiten, welche diese noch in so manchem Puncte findet, und daß die paritätische Behandlung des jüdischen Cultus im Vergleich zu den christlichen Kirchen, wie sie seit 1S30 in Frankreich, Belgien und Holland besteht, in Deutschland noch weit entfernt ist, realisirt zu werden. Wer jedoch die Geschichte der Entwickelung auf diesem Gebiete namentlich in Deutschland durchgeht, wer aus derselben die außerordentliche Hartnäckigkeit gewahrt, mit welcher die kirchliche Intoleranz der gegenseitigen Duldung auch der christlichen Kirchen gegenüber alle ihre Positionen bewahrt hat, für den hört dieses Erstaunen auf, und er wird bei der Schroffheit, welche selbst jetzt noch in der gegenseitigen Behandlung , der christlichen Kirchen stattsindet, sich der Schnelligkeit erfreuen, mit welcher wenigstens die politische und bürgerliche Gleichstellung der Juden in den letzten Decennien erreicht worden ist. Vor uns liegt die Festrede, welche der zeitige Rector der großh. hessischen Landesunwersität zu Gießen, Geh. Justizrath Prof. Dr. Wasserschleben am 9. Juni dieses Jahres über das Thema, das wir in unserer Ueberschrift bezeichneten, gehalten hat, und aus welcher wir einen Auszug um so eher geben, als das akademische Programm, in welchem sie abgedruckt ist. keine weitere Verbreitung findet. Wir danken Herrn Rabbiner Dr. Levi zu Gießen für besten gefällige Uebersendung. An der Spitze seiner Auseinandersetzung stellt der Redner folgenden klaren Satz auf: „In Folge der engen Verbindung, welche im Mittelalter zwischen der Kirche und dein Staate bestand, und der prävominirenden Gewalt, welche die erstere über diesen auöübte, war die Austastung der katholischen Kirche, wonach sie allein die christliche Kirche, und jede beharrliche Nichtanerkennung ihrer Dogmen ein Verbrechen.ist, auch für den Staat maßgebend. Das deutsche Reich kannte keine andere Kirche, als die katholische, und die Häresie war wesentlich und nothwendig auch ein bürgerliches Verbrechen. Der Staat hatte einen confessionell-katholischen Charakter und der Kaiser war nach dieser Richtung hin der E^cutor der kirchlichen Satzungen. 'Die Reforma-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.