Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1871)
- Date
- 1871-09-26
- Page
- Seite 795 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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795 niffcn in sich ausgenommen, mit feinster Empfänglichkeit ihren Geschmack gebildet, und sie vermochte mit Leichtigkeit höhere Gedanken zu begreifen, wenn auch nicht in allen ihren Conseqnenzen zu verfolgen. Ihre Liede zu Lippert war zum Enthusiasmus gesteigert. Der Onkel schüttelte hierzu nicht selten den Kops. Er hörte so Vieles, was er nicht verstand, aber auch nicht achtete, da seine amerikanische Vernunft nicht begriff, wozu eS nütze; es war ihm eine Plage, die der Mensch sich bereite, ohne einen Bortheil daraus zu ziehen. Jndeß sah er, daß Lippert seine Geschäftsstunden pünktlich einhielt, und da dieser zugleich der freundlichste, gefälligste und dienstfertigste junge Mann war, so freute er sich doch, ihn außer diesen Stunden stets in seinem Hause zu sehen und fast täglich zu Tische zu haben. Auch Olga blieb nicht immer aus, und wenn sie auch völlig unfähig unfähig war, dem Gedankengange Lippert's zu folgen, so fühlte sie doch mit Tact und Scharfblick heraus, wo sie etwas hineinzustreuen vermochte, und bewahrte sich so den Schein, als ob sie Alles mitverstände und mitgenöffe, freilich mehr in ihren eigenen, als in der Anderen Augen, denen sich ihre Unfähigkeit allzu oft verrieth. An einem herrlichen Sommerabend hatte Lippert seine Braut nach einem der Residenz nahen schönen Thale gefahren, wo in einem von Hügeln begrenzten Kessel eine Anlage, von köstlichen Gebüschen und Baumgruppen umgeben, die Gäste freundlich empfing und bewirthete. Der Westhimmel war noch von den letzten Abendwölkchen geröthet, als der Mond silberstrahlend aufgegangen und an dem noch lichten Himmelsgewölbe die Sterne funkelnd hervorzutreten begannen. Lina und Lippert machten sich zu Fuß auf den Heimweg, der bald längs des Ufers eines über Steine rauschenden Baches schlängelnd sich hinwand, bald durch kleine Gebüsche ging, durch deren Wipfel der laue Abendwind flüsterte. Fernhin auf den Hügeln im Norden wetterleuchtete es bisweiten aus einer dunklen Wolke, und zeigte im schnell wieder verschwindenden Lichte die sanften Umriffe der bewaldeten Höhen. Nach der drückenden Hitze des Tages hatte sich eine frische Kühle verbreitet, welche die abgespannten Nerven belebte und all? Fühlfäden oer Seele mit Wohlbehagen anregte. Sie wandelten eine Zeit lang Arm in Arm schweigend nebeneinander. Da wandte sich Lippert an Lina mit der Frage: „Worüber denkst Du nach, Lina? Was beschäftigt Deinen Geist, da Du so schweigsam bist?" x Lina zögerte einen Augenblick, dann sprach sie wie rasch und entschloffen: „Ich will es Dir bekennen, mein Theurer. Die Wahrheiten, die Du mich gelehrt und die Du mir auS der Geschichte und der Natur, wie aus der Kunst mit so vielen Beispielen erwiesen hast, sie erfüllen mich ganz, und Alles, was in mir lebt, knüpft eine Beziehung zu ihnen an. Hast Du mir doch erst in diesen Tagen aus der Vergleichung der dramatischen Kunstwerke aller Nationen so unzweifelhaft vor die Seele geführt, daß jede Gestalt nur um so poetischer ist, mit je festerer und energischerer Hand der Dichter den individuellen Charakter in Wort und That zu zeichnen vermochte und je eigenthümlicher dieser Charakter auS der Masse der umgebenden Menschen hervortritt, ja, daß aller sonstiger Redeprunk, alle noch so schönen und erhabenen Sentenzen den Mangel solcher Charakterzeichnung nicht decken kann. Wenn es aber also ist, wenn die Bestimmung deS Menschen in der Ausbildung dieser Individualität besteht, wenn sich darauf allein selbst der Glaube an eine Fortdauer unseres Geistes stützen könnte — wie, laß es mich offen aussprechen, wie steht eS da um unsere Liebe? Seitdem wir uns näher getreten, seitdem Du mich mit dem Gestäüdniß Deiner Zuneigung beglücktest, seitdem ich Dich immer mehr kennen, bewundern und lieben gelernt, da fühle ich mich innner weniger ein gesondertes Wesen, ich kann mich mir gar nicht mehr alleinstehend denken, alles Streben meiner Seele geht nach Dir hin, und sie möchte zu ihrem höchsten Glücke am liebsten ganz in die Deinige hinüberfließen. Wie soll ich dies nun mit diesen Ansichten, die doch ganz auch die meinigen geworden, und die mich zwingen wollen, nur an mich zu denken, während ich nicht anders kann, als immerfort an Dich zu denken und alle meine Vorstellungen ihr Ziel nur in Dir haben, wie soll ich es damit vereinigen?" Lippert umarmte seine Braut und drückte ihr einen zärtlichen Kuß auf die Stirn. „Du irrst, theures Mädchen, wenn Du darin einen Widerspruch findest. Weißt Du nicht, was die Schrift auf ihren ersten Blättern erzählt, daß der Herr einen Theil vom Manne nahm und daraus das Weib bildete, weil der Mann, der der ganzen Schöpfung gegenüber, die Gott an ihm vorüberführtc, aufrecht in seiner besonderen und sie beherrschenden Stellung geblieben, nicht „allein" sein sollte? Es ist dies eine tiefsinnige Wahrheit. Oder erinnerst Du Dich nicht des alten Gleichnisses, das Plato so beredt auseinandersetzt, daß Mann und Weib nur die zwei Hälften eines Ringes seien, die, wenn sie sich wieder zusammengefunden, durch das Feuer der Liebe zu einem Ringe vereinigt und verschmolzen werden, dvß beide fortan nur als eine Einheit bestehen? Ja, es trifft sich freilich oft, daß in der Ehe nicht die rechten Halbringe Zusammenkommen, die deshalb nur durch eine schlechte Löthung verbunden sind> so daß offen oder insgeheim ein baldiger Bruch nicht ausbleibt, sie nur lose Zusammenhängen oder wieder auseinauderfallen. Aber, wo wie bei uns die wahre und vollkommene Liebe Mann und Weib erfüllt und vereinig:, da bilden sie nur ein Individuum, ' sich einander ergänzend, der Eine dem Andern gebend, waö ihm mangelt, so daß sie eben in ihrer Verbindung zu einer höheren und vollkommeneren Individualität werden. Gerade weil diese Liebe sich einem besonderen Gegenstände anhängt und diesen ganz erfaßt, nicht aber in die Weite schweift und bald an dieser, bald an jener Blume nach Honig sucht oder eine selbsterdachte Allgemeinheit umfaßt, etwa wie Schiller Millionen umarmen