Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1871)
- Date
- 1871-09-26
- Page
- Seite 794 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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794 Bureau deS Eisenbahnjournals nieder legten. Sie hatten den Grund zum Vermögen von Mires gelegt. Das Unternehmen der beiden Abenteurer hielt sich trotz der schwierigen Zeitverhältnisse über dem Wasser und brachte bedeutende Sinnmen ein. Bald genügte jedoch dieser Wirkungskreis nicht mehr; die beiden Freunde verfolgten höher fliegende Plane. Durch eine sehr gewagte Börsenspeculation verschafften sie sich die nöthigen Capitalien und gründeten den O.mseillei du Peujde, ein Blatt, dessen Redaction niemand Geringeres als Lamartine übernahm. Auch in dieser Zeitschrift, die bald 30,000 Abonnenten hatte, wurde die Börsenreelame aufs Eifrigste gepflegt. Nachdem der Conscillcr du Pcuple nicht mehr recht zog, verkaufte man ihn und Millaud- Mirös kauften dafür den „Zwischenact". Wie sie bisher im Bereich der Börsenjournalistik geherrscht, so regierten sie jetzt die Theaterwelt. Und in Paris will das Alles heißen. Mirös-Millaud, die Oberbefehlshaber von Börse und Theater-ja, der Moment war gekommen, daß, wie auf dem allegorischen Gemälde im Börsensaal und wie Mirös geträumt, er als Merkur dastand, dem die stolze Stadt den Schlüssel reichte.- Mirös verstand es vortrefflich, in seinen Journalen der herrschenden Stimmung zu schmeicheln. Für ihn gab es kein „rothes Gespenst", er lobte den Bourgeois, er wiegelte ab, pries den Frieden, stellte die Lage der Welt im rosigsten Zauberlichte dar. So hob sich der Credit, so aber bereitete sich auch der Retter der Gesellschaft vor. Kein Wunder, daß Mirös mit Hülfe seines Organs bei seinen eigenen finanziellen Speculationen leichtes Spiel fand. Nach verschiedenen kleinen, aber immmer glücklichen Operationen, kam er auf die Idee, die „Eisenbahncaffe" zu gründen. Gleichzeitig kaufte er das Journal Pays, um seinem Projecte eine wirksame Unterstützung zu verschaffen. Keine Reclame wurde gescheut und von allen Seiten strömten der Eisenbahncaffe Cap:1alien zu. Binnen Kurzem war Mirös Millionär — aber die Eisenbahncaffe legte auch den Grund zu seinem späteren Unglück. So ist dieser Mann gestiegen. Intelligenz und Fleiß, schlaue Operationen und für erlaubt gehaltene — Manipulationen führten ihn hinauf auf den Gipfel des Reichthmns. Jetzt wollen wir nur noch über seinen Fall berichten, der so außergewöhnlich viel Aufsehen in ganz Europa erregte. Wer einmal Millionär ist, kann leicht sein Vermögen verdoppeln. Schwer sind nur die ersten 1000 Thaler verdient. Die großen Speculationen und Geschäfte, die Mires unternahm, mögen daher hier nur kurz angedeutet werden. Nachdem er bereits 1849 seine Geneigtheit gezeigt hatte, eine kleine Anleihe des Seinedepartements zu negociiren, ohne indeffen damit betraut zu werden, übernahm er im Jahre 1532 die Fünfzig-Millionenanleihe der Stadt Paris. Ein ähnliches Geschäft mit dem Crödit Foncier von Marseille und divers scheiterte.au der Intervention der Regierung. Im Jahre 1534 kaufte Mirk-8 die Kohlenbergwerke von Portes und S>':m'chas, im Jahre 1833 acquirirte er fast die Hälfte der Actien der Societes des lerrains et immeubles des champs Elysees, sowie eine bedeutende Anzahl jener der Fiakercompagnie. In Marseille gründete er eine „Gasgesellschaft" und erwarb sich dadurch für eine Reihe von Jahren das Monopol der Straßenbeleuchtung. 1537 gründete er den spanischen Cr&lii-mobilicr, die spanische 51 Millionenanleihe, die römischen Eisenbahnen und zahlreiche kleinere Speculationen trugen ihm fabelhafte Summen und verschiedene Orden ein. Mirös wühlte in Millionen, schon glaubte er, daß auch sein zweiter träumerischer Gedanke sich verwirklichen könne, den er gehabt, als er zum ersten Male den großen Börsensaal betrat, als er wünschte, an der Stelle Frankreichs zu sitzen, dem alle Erdtheile ihren Tribut sandten.- Da schlug auch für Mirös die Stunde des Falls. Wie einst John Law gestürzt, wie andere Geldmänner jäh sielen, so auch Jules Miräs. Er wurde 1860 verschiedener Unterschlagungen in der Eisenbahncaffe angeklagt und — wie wohl den Lesern erinnerlich — von dem Pariser Tribunal zu mehrjähriger Gefängnißstrafe verurtheilt. Zwar stieß der Gerichtshof von Douai, an den Mir «'s appellirte, das Urtheil um, doch in dritter Instanz, wurde es wiederum bestätigt. Mir<;s der große Mann, der Börsenkönig — er verbüßte seine Strafe. Aber er benutzte die Zeit seiner Gefangenschaft, sammelte Material und suchte auf Grund von Formfehlern und sachlichen Unrichtigkeiten eine Revision seines Proceffcs einzuleiten. Das Verlangen wurde indeffen abgeschlagen. Schon die Thalsache, daß Mirös in zweiter Instanz freigesprochen wurde, läßt einige Zweifel an seiner Schuld aufkommen und es giebt und gab genug Leute in Paris, die seine Schuld nicht für erwiesen erachten. Der Proceß war übrigens ein skandalöser und lange schwebte, von Flüchen umgeben, der Name des einst gepriesenen Börsenkönigs auf den Lippen der Pariser. Jetzt hat er, 62 Jahre alt, die müden Augen geschloffen und seine Verurtheiler schweigen. Er war nur ein großer Repräsentant des ganzen Börsenschwindels, der am faulsten und ungesundesten, weltverpestend, in der mephitischen Luft von Paris ausgebrütet wird. Auf und nieder. Erzählung. iFortsetzung.) 6. Monate vergingen. Lina war in ihrem ganzen Wesen verändert. Sie fühlte sich beglückt und gehoben; ihr Gesichtskreis hatte sich gänzlich umgestaltet; was ihren Getst beschäftigte, ragte weit über das hinaus, was ihre vergangene Zeit ausgefüllt hatte. Mit außergewöhnlicher Faffungskraft hatte sie eine große Menge von Kennt-