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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-26 · Heft 39 (26.9.1871) · p. Seite 796

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 39 (26.9.1871)
Date
1871-09-26
Page
Seite 796 (sequence 24)
Language
German
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796 will, ist sie die wahre, wirkliche Liede, die dauernde, das ganze Leben beherrschende, keiner Täuschung, keinem Wechsel unterworfen. Wohl mag es sein, daß Du viel von mir für Gemüth und Geist empfangen habest; aber Du hast eS mir reichlich wiedererstattet und durch Deine Anmuth und Zärtlichkeit, durch feinen Tact und sinnige Betrachtung mich vielfach gebildet und mir Ruhe und Festigkeit gewährt. Ja, Geliebte, laß uns Eins sein, wie wir es schon sind!" Ein reineres Glück, als in diesem Augenblicke die Seele Lina's erfüllte, kann es nicht geben, und in diesem seelischen Rausche fühlte sie nichts, was sie von dem geliebten Manne noch trennte. Und dennoch war es nicht immer so. Zwar stiegen in der lauteren Seele Lina's darüber keine Zweifel auf, ob diese Grundsätze ihres Bräutigams nicht zu einer Selbstsucht führen müßten, zu einem Egoismus, der nur sich und nichts als sich anerkennt und mit allen Vorschriften des sittlichen Rechts in Widerspruch käme? Sie fühlte ihre Individualität so Eins mit reinster Menschenliebe, mit dem Drange, Anderen hilfreich und gerecht zu werden, daß sie in der Pflege der ersteren keinen Gegensatz zur treusten Erfüllung aller menschlichen Pflichten erkannte und keine Ahnung hatte, daß es anders sein könnte. Aber eiskalt griff es in ihr Herz, wenn sie mit dieser Leugnung jedes allgemeinen Daseins, jeder die Welt umfassenden Existenz, mit dieser alleinigen Anerkennung des Einzelnen und Besonderen dem Gotte gegenüberstand, welchem im Innersten ihrer Seele ein weihevolles Heiligthum errichtet war. Die Fragen, welche sich ihrer kindlichen Naivität in ihrem Unglücke aufgedrängt hatten, in ihrem Glücke waren sie ihr längst gelöst. Sie erkannte jetzt an, daß die göttliche Vorsehung sie so überreich mit Gaben überschüttet, ihren Pfad so auf die Höhen des Lebens geleitet habe, daß sie ein Recht besäße, Fragen über das Verhängniß an sie zu richten, das sie ihr bestimmt. War doch den Waisen schon dadurch, daß sie den Händen so braver für sie herzlich besorgter Menschen, wie R. Chone's und seiner Frau, übergeben waren, ein Loos geworden, wie nicht allen ihrer Aeltern beraubten Kindern wird. Und dann dieser liebevolle Oheim, der seine Befriedigung nur in den Gaben fand, die er den .Kindern seines Heimgegangenen Bruders spenden konnte. Und dann die Liebe eines von ihr so sehr bewunderten Mannes, welches sie mit einem ungeahnten Glücke erfüllte und sie zugleich in eine geistige Sphäre erhob, in welcher sie ihren wahren Lebensodern zu finden glaubte. Dies Alles stimmte ihre Seele so gottgläubig, so religiös, daß jeder Zweifel sie wie ein Frevel gegen Wahrheit und Liebe berührte. Und wenn sie nun in diesen wolkenlosen Abendhimmel mit den zahllosen funkelnden Gestirnen, mit dem goldenen Vollmond, der so ruhig und beruhigend dahinwandelte in der Höhe, blickte, wenn aus Wald und Busch, aus Saat und Wiese der erfrischende Duft emporstieg und ihre Brust wie mit neuem Odem belebte, wenn der milde Abendwind in den Zweigen rauschte und mit Laub und Halmen flüsterte — wie sollte dies Alleö nicht von einer allumfassenden Hand geschaffen, geordnet und zusammengehalten werden? Und wenn diese alle nur Einzelwesen sind, deren jedes für sich besteht und die nichts mit einander zu thun haben, als sich gegenseitig die Existenzmittel zu bieten, mußten sie darum nicht um so mehr in einer höchsten göttlichen Existenz wurzeln, welche allein all die streitenden Elemente auszugleichen vermochte? Wie gesagt, sie äußerte diese Gesinnungen nicht gegen Lippert, denn sie befürchtete gewiffermaßen, daß er sie bekämpfen, das Gegenthcil aussprechen, mit seiner glänzenden Beredtsamkeit sie vernichten würde, und doch glaubte sie, sich niemals von ihm trennen zu können. Aber auch er scheuete es noch immer, das letzte Wort zu sprechen, die letzten Schlüsse aus den Boraussetzungen zu ziehen, welche er mit so vieler Sorgfalt in den Geist seiner Verlobten eingepslanzt hatte. Dagegen wagte er es schon öfter, gegen die jüdischen Satzungen sich auszulaffen, welchen Lina eine treue Beobachterin war. Auf der Höhe der Anschauungen, auf welche er sie erhoben habe, sei es eine Pflicht, dieses Joch des alten Gesetzes, wie die Weisen es selbst genannt hätten, abzuwerfen und der Unfreiheit zu entsagen. Und da Lina lächelnd erwiderte, sie seien doch eben alle sehr individuell und förderten die Eigenthümlichkeit und bedingten, namentlich in der jetzigen Welt, eine Charakterfestigkeit, die zur Erziehung und Stärkung des Menschen sehr viel beitrüge — wollte er nichts hiervon wissen, denn da dieses Gesetz alle Bekenner des Indenthums von der Geburt bis zum Tode, vom Erwachen bis zum Einschlafen in all ihrem Thun und Lasten durch dieselben Vorschriften binde, so bringe es nur eine Uniformität Aller hervor, eine Eigenthümlichkeit der Gesammtheit, aber nicht der Einzelnen, und hebe jede Persönlichkeit, jede freie Willensmeinnng des Individuums aus. Doch dies wollte Lina nicht gelten lasten. Gerade in unserer Zeit, wo jeder Zwang aufgehört und die Verlockung vielmehr auf der andern Seite-stehe, sei es die größte Vethätigung des freien Willens, sich einem uralten Brauche zu unterwer» fen, der nicht einmal mehr das Ansehen der feinen Gesellschaft für sich habe. Nebrigens flüchtete sie sich hinter die ihr eingewohnte Pietät und den Willen ihres Oheims. Lrppert ließ es kopfschüttelnd geschehen und dachte, Zeit und Umgebung würden ihren Sinn schon ändern. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. D. >«ucfchfeld. Verantwortlicher Redacteur Dir. H. Lotze.

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