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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-26 · Heft 39 (26.9.1871) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 39 (26.9.1871)
Date
1871-09-26
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Nr. 39. Leipzig, den 26. September 1871. Das Leben einer gefallenen Specnlantengröße. (Schluß.) Doch ich will nicht vorgreifen. Der entlassene Steuerbeamte Mirös stand an den Ufern der Garonne und dachte an Paris, an Adolf, seinen Bruder, der es dort zu leidlichem Wohlstände gebracht. Er war dort Agent für verschiedene Weinhändler in Bordeaux und verdiente sehr anständig. Eines Tages erschien, in einem sehr abgeriffenen Zustande, Jules bei Adolf. Das Wiedersehen der Brüder war ein recht herzliches und Adolf nahm Jules in sein Geschäft auf. Eine Zeit lang ging die Sache gut, Jules reiste im Auftrag seines Bruders, er war „Weinhusar" und machte treffliche Geschäfte. Da kam es zu einer Differenz und bald darauf zu einer Trennung der beiden Brüder, an welcher Madame MixH, die ihren Schwager haßte, nicht wenig Schuld gewesen fein soll. Wie ehemals auf dem Pflaster von Bordeaux, stand Jules Mirös jetzt mittellos auf dem Pariser Pflaster. Aber ihm winkte der Peristyl der Börse, der ihn mit geheimnißvoller Ahnung erfüllte. Dort wollte Jules seinen Durst nach Reichthum und Größe stillen. „Es war mir", schreibt MirKs in einem erhaltenen und während seines Procesies publicirten Briefe, „ein eigenthümliches Gefühl, als ich zum ersten Male die Stufen der Börse hinausschritt, unter den mächtigen ragenden Säulen dieses zweitwichtigsten Hauses von Paris und bald darauf im großen Börsensaale stand, den die Gemälde von Pujol und Meynier schmückten. Mein Gedanke war: o, wärest du doch an der Stelle jenes Frankreich, das hier, im Gemälde, den Tribut von vier Erdtheilen in Empfang nimmt, wärest du doch an der Stelle jenes Merkur, dem die Stadt Paris den Schlüssel überreicht." Mit solchen fast wahnsinnigen Größenideen schritt Mirds, der als Gehilfe bei einem kleinen Bankier Anstellung gefunden, in das Allerheiligste von Paris, in den Saal, wo dessen Leben wurzelt, wo der Mittelpunkt der französischen Ideen zu finden. Hier hörte er zum ersten Male das wüste Geschrei der Agents de Change, hier tönte es je prends, je donne, je vcnds unausgesetzt mit Zahlen und Namen versetzt durch sein Ohr — hier sah er die damaligen Börsenfürsten, hörte er, wie Hunderttausende gewonnen — verloren wurden. „So groß auch der Eindruck war, heißt es in dem citirten Briefe, ich fühlte mich ihm völlig gewachsen; ich wußte instinctmäßig, daß hier und nur hier auch mein Platz war und daß ich dereinst mit Millionen operiren würde, wie ich jetzt Sons ausgab." Miri's machte nur kleine Geschäfte an der Börse; er speculirte sehr vorsichtig, doch glichen gewöhnlich Gewinne und Verluste einander aus. Er kam nicht vorwärts. Da brach die Februarrevolution 1848 herein und mit ihr war Alles auf den Kopf gestellt. Mirös hatte unterdessen geheirathet und seine Frau unterstützte ihn wacker; sie lebten zurückgezogen in einer kleinen Wohnung und oft genug war bei ihnen „SchmalhanS Küchenmeister". In dieser Noth blitzte der kühne Gedanke durch Mirös Gehirn, welcher ihm aufhelfen sollte. 9m Verein mit seinem Jugendfreunde und Landsmann Polydor Millaud kaufte Mirös, ohne einen Pfennig zu besitzen, das.lournrü des Clwtiiins de fer, das er zu einer Börsenzeitung umgestaltete. Bald waren Hunderitausende verdient — wie, ist nur allzubekannt. Die zahllosen Actienspeculationen bedurften bei ihrem Auftauchen der Publicität, des Journalrühmens, der fictiven Blüthe und der gloriosen Scheinzukunft. Alles Andere, was nun folgte, ist selbstverständlich. War die Journalistik gewonnen, so war es das Publicum, war es dieses, so gab es für Actien Geld und Überzahlungen obendrein. Die Journalisten waren die eine Hand, die Directoren waren die andere, und sie wuschen sich so säuberlich, daß das Publicum fabelhaft viel Seife liefern mußte. Die verschiedenen Gesellschaften gaben, neben Einrückungsgebühren verschiedener Art, eine Anzahl Actien an den Nedactcur Mirös zum Emissionscours und dieser trieb durch Reclame die Papiere schnell in die Höhe. Hatten sie den gewünschten Cvurs erreicht, dann verkaufte er, und bei 500 oder 1000 Actien blieb ein schönes Stück Geld in seinen Händen, das Niemandem etwas kostete als dem Publicum. Die Eisenbahngesellschaften von Orleans und Lyon waren die ersten, welche ihre Actien im RedactionS-

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