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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-26 · Heft 39 (26.9.1871) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 39 (26.9.1871)
Date
1871-09-26
Page
Seite 787 (sequence 15)
Language
German
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787 Kiew, Anfang August. (Privatmitth.« Die hier vor Kurzem aus der Feder eines Russen, Hrn. Jossephowitsch, erschienene Broschüre „Die jüdische Frage bei uns" bespricht mit Prägnantester Kürze und in übersichtlicher Klarheit die Lage der Juden im russischen Reiche und kommt, indem sie die bedeutsamsten, für die vorliegende Frage in Betracht kommenden Momente zusammenstellt, zu dem Endresultat, daß die Freizügigkeit der Juden ebenso sehr ein Gebot der Gerechtigkeit wie des allgemeinen Staatswohls sei. „Sibirien z. B. — so lautet u. A. eine der schlagendsten Stellen in der dankenswerthen Schrift — ist ein großes, schönes, menschlicher Eultur noch dringend bedürftiges Land; Hunderttauscnde thätiger Menschenhände würden dort einen weiten Spielraum der lohnendsten Arbeit finden, aus der natürlich auch der Staat unübersehbare Vorlhcile zieheu würde. Aber um nach Sibirien zu kommen, muß man zuvor erst — ein Pferd gestohlen haben!" Gegenüber den vielfachen Anklagen gegen die Inden, namentlich derjenigen der Unredlichkeit, erinnert Herr Jossephowitsch an die bekannte Antwort, welche Peter der Große den holländischen Juden gab, als diese bei ihm um die Erlaubniß nachsuchten, in Rußland Geschäfte treiben zu dürfen, und welche beweise, daß der große Ezar die Nationalcharaktere der Russen und der Juden besser begriffen habe, als die jungrussische Partei der Gegenwart. Die Welt vergesse, so meint auch noch der Vers. — wie viel sie den: jüdischen Volke zu verdanken habe; wie unsere ganze moderne Eultur und Eivilisation zumeist auf dem Jndenthum beruhe, welches das Heidenthum und mit ihm Götzendienst, Aberglauben und Molochdienst siegreich bekämpft und die Menschheit mit den beglückenden Lehren von Gott, einer heiligen Moral und reiner Menschenliebe beschenkt habe. — Cs ist natürlich, daß die Broschüre viel gelesen, und sowohl in Privatkrcisen, wie in der russischen Tagesprcsse lebhaft besprochen wird. Von der podolischen Grenze, 8. Sept. (Privatmitthlng.) Ihre energischen Leitartikel in Rr. 34 u. 35 über „die Zustände in Rußland" sprechen auch nach unserer hierländischen Uebcrzeugung das Richtige aus, wenn sic die unbedingte Freizügigkeit, wie sie für die anderen Unterthanen des Reiches besteht, auch für die Juden als erste und hauptsächliche Bedingung der Besserung unsrer Verhältnisse verlangen. Als Sie von der, den jüdischen Handwerkern gewährten Freizügigkeit sprachen, vergaßen Sie anzuführen, was auch in Ihrem Blatte wiederholt betont worden, daß diese Handwerker nur auf einen Jahrcspaß sich nach neuen Wohnorten begeben dürfen, der jährlich er neuert werden muß, und'wodurch diese armen Leute allen Chikanen der Polizeibeautten anSgcsetzt sind. Frägt man sich, warum eigentlich die russische Staatsregierung ihren jüdischen Unterthanen die Freizügigkeit versagt, so findet man in der That keine triftige Antwort. Wäre der Staat klein und überbevölkert, so könnte man sagen: durch die Evaenation eines Theils wird der andere um so übermäßiger gefüllt. Der Staat ist aber übergroß und wenig bevölkert, jede Ausräumung einer übervölkerten Provinz und Bertheilung in alle übrige Theite ist daher ein Segen für Alle. Die 27> Millionen Inden unter die übrigen 78 Millionen verhältnißtnäßiger vertheilt, brächte nur eine kleine.Veränderung in das Bevölkerungsverhältniß. Ferner: betrachtet utau die Juden, da man sic msgesammt einmal nach einer Seite hin zu charaktcrisiren liebt, als einen nützlichen oder als einen schädlichen Theil der Bevölkerung, befiehlt doch die Staatsraison in beiden Fällen sie über das ganze Reich zu verbreiten, das eine Mal, um ihre nutzenschaffende Thatigkeit überall hin zu verbreiten, das andere Mal um ihre Schädlichkeit durch die Bertheilung der Masse zu vermindern. Jede objective Betrachtungsweise giebt also hier denselben Erfolg ab, und nach subjectivem Ermessen, nach leidenschaftlichen Impulsen darf kein Staat ohne großen Schaden zu erfahren geleitet werden. Man hat aber in Rußland selbst die falschesten Vorstellungen von den Juden. Man hält sie allesammt für Handelsleute, während ihre Masse zum großen Theile ans Tagelöhnern und aus Handwerkern aller Art besteht, so daß sie allein. waS in den ehemaligen polnischen Provinzen außer dem Ackerbau an Arbeit, Industrie und Handel noch vorhanden ist, fast ganz ausführen. Eine solche Bevölkerung wäre für noch viele Theite des russischen Reiches ein großer Vortheil. Aus Südrußland, im September. (Privatmitth.) Sie gestatten wohl eine Verichtung einer in Ihrem Blatte gegebenen Nachricht und zwar nach der Mittheilung des „Ddcssaer Boten". Dieses Blatt be-

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