Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1871)
- Date
- 1871-09-26
- Page
- Seite 786 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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786 teil lebhaftesten Sympathien und danken der Vorsehung, daß sie an die Spitze unserer Gemeinde endlich Männer gestellt hat, die mit hingebungsvoller Liebe würdigere, glücklichere Zustände in unserer Mitte herbeiznführen und vorzubereiten eben so fähig wie eifrig bemüht sind. Zum Ueberfluß sei noch erwähnt, daß in Folge dieser energischen Wahrnehmung aller jüdischen Interessen seitens unseres neuen Vorstandes auch in allen besseren jüdischen streifen Warschaus das bereits ziemlich erstorben gewesene jüdische Gefühl und Selbstbewnßtsein von Neuem zu erwachen und die schönsten Früchte zu tragen beginnt. Selbst unsere studirende israelitische Jugend, die sich seither darin gefallen, mit ihrem religiösen Indisferentismus zu prahlen, fängt an einzusehen, daß wenn ein Dr. Ratanson eine solche warme Anhänglichkeit an seinen Glauben und an seine Glaubensgenossen an den Tag legt, auch sie sich ihres Zusammenhangs mit dem Judenthum nicht zu schämen brauche. Hoffen wir auf einen immer größeren Wetteifer, bessere Verhältnisse in unserem Gemeindeleben herbeizuführen; die Juden und das Judenthum Warschaus, sowie ganz Polens bedürfen dessen in einem leider noch zn hohen Grade. Warschau, Anfang August. (Privatmitth.) Die Schwierigkeiten, mit denen unser neugewählter Vorstand in seiner administrativen Thätigkeit zu kämpfen hat, sind nicht gering; der glücklich beseitigte hat dem jetzigen eine Erbschaft hinterlassen, welcher gegenüber das Wort von den „lachenden Erben" nicht angewendet tverden kann. Der Gemeindeetat ist seit Jahren in einer vollständigen Deroute, von einem sehr beträchtlichen Deficit belastet. Um die zerrütteten Finanzen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, ist von der zu diesem Zweck niedergesetzten Eommission des Vorstehercollegiums ein neuer Steuermodus ausgearbeitet worden, der gegenwärtig der Negierung zur Prüfung und Bestätigung vorliegt. — Mit den Gemeindeschulen ist cs nicht weniger traurig bestellt. Herr Dr. Ratanson, der sich außer dem Präsidium noch speciell die Leitung des UnlcrrichtswescnS Vorbehalten hat, wollte, um Lehrer und Schüler an größere Ordnung und Disciplin zu getvöhnen, u. A. die löbliche Einrichtung 1 reffen, daß jene während des Unterrichts in Amtslrächt zu erscheinen haben, wogegen aber seitens unseres Rabbiners, Herrn Gesundheit, aus religiösen Gründen mpin) Protest erhoben wurde. Zur Charakteristik der hiesigen Verhältnisse und unserer inländischen Orthodoxie diene noch folgendes: Auf dem hiesigen jüdischen Gottesacker waren seit Menscheugedenken Schenken etablirt, welche, als mit der Würde des Friedhofes unvereinbar, die neugewählten Delegirten für das Veerdigungswesen, die Herren Mathias Versöhn und Jakob Löwenberg, endlich beseitigen zu müssen glaubten. Um aber doch dem hier einmal mehr als anderswo vorhandenen Bedürfnisse nach „geistiger^ Stärkung Rechnung zu tragen, wurde dem Friedhofsinspector gestattet, in einem verschließbaren Zimmer, welches mit einem Klingelzuge versehen wurde, verschiedene Getränke feil zu halten. Gegen diese ganze Anordnung, durch welche die alte, ehrwürdige, durch ihren langjährigen Bestand schon mit heiliger Gesetzeskraft bekleidete Institution der Schenken plötzlich zum Tode verurtheilt wurde, namentlich aber gegen den noch nicht dagewesenen, in keinem rabbinischen Ritualcodex aufzufindenden Klingelzug erhob sich im Lager unserer „Gesetzestreuen" die leidenschaftlichste Erregung, die größte Entrüstung. Es wurde und wird dagegen, als gegen unstatthafte, das ganze „traditionelle" Judenthum unfehlbar zu Grabe tragende Reformen agitirt und protestirt, und soll auch bereits, einem uns zugegangenen Berichte zufolge, an dessen Nichtigkeit wir aber noch nicht glauben wollen, an den Statthalter eine Petition um gewaltsame Entfernung des verhaßten Klingelzuges, durch dessen Anblick sowohl Lebende wie Todte in ihren religiösen Gefühlen aufs Schwerste beleidigt würden, aus der Mitte unserer lehmännischen Elique abgegangen sein. — Freilich, welch synodenhaftes Beginnen seitens unseres neuen Vorstandes, schreiende Mißbräuche nnd Uebelstände, die dem Judenthum zur Hellen Schande gereichen, abstellen und für Anstand und Würde in unserem religiösen Gemeindeleben Sorge ttagen zu wollen! Laut einer amtlichen Rote im Julihefte des Circulars für den Warschauer Lehrbezirk ist den Jnspectoren aller israelitischen Regierungsschulen des Reiches vom Minister für Volksaufklärung der Befehl zugegangen, von der nunmehr gestatteten russischen Bibelübersetzung des Herrn Levi Mandelstamm, Candidaten der Petersburger Universität, je zwei Exemplare für jede Rcligionsschule anzuschaffen.