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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-26 · Heft 39 (26.9.1871) · p. Seite 774

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 39 (26.9.1871)
Date
1871-09-26
Page
Seite 774 (sequence 2)
Language
German
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774 DaS mosaische Gesetz verleiht rem Hüllenfeste vorzugsweise den Charakter eines Freudenfestes, und zwar zunächst, weil es nach Beendigung der Wein-, Dbstnnd Oelernte begangen werden sollte, und diese in allen Ländern, wo besonders der Weinbau, wie auch im heiligen Lande, sehr umfänglich und mit dem günstigsten Erfolge betrieben wurde und wird, großen Volksjnbel hervorruft. Es stand in dieser Beziehung dem Schabuothseste noch weit voran. Hierzu fam nun die eigcnihümliche Borschrift, an diesem siebentägigen Feste die Wohnungen zu verlassen, Laubhütten zu bauen und darin zu wohnen, auch von den Pflanzen des Landes vier Arten, welche die Frucht- und Zierarten des Landes repräsentirten, zu nehmen und damit der allgemeinen Freude einen Ausdruck zu geben. Ter Zweck dieser Borschrift wird 3 Mos. 29, 19 angegeben: „Damit Eure Geschlechter wissen, daß ich in Hütten habe wohnen lassen die Söhne Israels, als ich sie hinaußgeführt aus dem Lande Aegypten." Daß dieses Fest den Charakter einer tief gehenden Bolksfreude haben solle, begriffen die späteren Geschlechter recht wohl und fügten ihnn den Gebrauch des sg. Wasserschöpfenö hinzu, indem mit einem drei Log fassenden goldenen Kreuze Wasser aus der Duelle Siloah geschöpft ward, welches nebst Wein durch zwei durchlöcherte Becken an der westlichen Seite des Altars unter Musik ausgegosseu wurde, so wie eine prächtige Illumination mit Fackeltanz im sg. Vorhofe der Weiber, wie die Misch na Succ. 1, 9. 10 und 5, 2-1 beschreibt. Beide Gebräuche waren Gegenstand der größten Lustbarkeit, so daß es zumSprüchwort ward: Wer den Jubel des Wasscrschöpfens nicht gesehen, hat niemals wahre Lustbarkeit gesehen idas. ü, U All diese Lust, entspringend aus der Freude an der Ernte und aus diesen Veranstaltungen für das Volt, erschöpft aber den Sinn des Festes nicht. Das Verlassen der festen Wohnungen, der Paläste wie der Hütten, und das Wohnen, nicht einmal in Zelten, sondern in Laubhütten, mit Blumen und Früchten geschmückt, mußte, abgesehen von jener natioualhistorischen Erinnerung, in Verbindung mit den Zweigen der Palme, der Myrthe und der Weide und der Frucht des Hadarbaumes auf das Gemüth des Volkes einen besonderen Eindruck machen. Die Rückkehr zu der größten Einfachheit, gleich für alle Stände und Geschlechter, und die innige Beziehung zur Natur konnten nicht anders als vom-höchsten sittlichen Werthe sein. Alle Vorzüge des Reichthums und alle Sorgen der Armuth hörten hier auf und glichen sich aus; alle Verfeinerung der Bedürfnisse schwand und ging wieder in den reichen, unerschöpflichen und wahren Genuß dessen auf, was die Natur in einem glücklichen Klima bietet, in einem Klima, wo dieses Wohnen in Laubhütten nicht durch Stürme, und Regengüsse gestött ward, wie dies bei uns um diese Jahreszeit die Regel ist, sondern wo der befruchtende Herbstregen — und hiermit steht der Brauch des Wasserschöpfens in Beziehung — erst erwartet und erbeten ward. Das Leben während, ganzer sieben Tage unmittelbar in und mit der Natur, dw Verbrüderung des gesummten Volkes in der unmittelbaren Umgebung der Nalur und in der Freude an derselben, war.jedenfalls von einer großen sittlichen, soeialen und politischen Einwirkung. Vergegenwärtigen wir uns dabei, daß in dem Bewußtsein des israel. Volkes die Vorsiellung, alle Gaben der Natur als Spenden und Segnungen der göttlichen Gnade anzuseheu, die vorherrschende und tief in die Gemüther eingedrungene war. Das Hüttensest hatte also den Charakter der idealen, religiös sittlichen Freude, ebenso fern von allem Muckerthum wie von heidnischer Ausschweifung, und es zeichnet dieser Gedanke, dieser Zweck das mosaische Gesetz ganz vorzüglich ans. Jerusalem, die platten Dächer der Häuser, die Straßen, die öffentlichen Plätze und die ganzen Umgebungen der Stadt weit hin waren von diesen Laubhütten bedeckt, in welchen eine fröhliche Volksmenge weilte und sich tummelte, und mitten in diesem Meere von grünem Laube und goldenen Früchten ragten die goldenen Zinnen des Tempels auf, zu und aus welchem die Massen strömten, um auch da mit dem religiösen Ernste die religiöse Lust verbunden zu sehen. Wir haben hier nicht nach der Phantasie gemalt, sondern jeder einzelne Zug ist in geschichtlicher Treue den Nachrichten entnommen, die uns übrig geblieben. Freilich hat das Fest in unserer Zeit und unter unseren Verhältnissen diesen seinen ursprünglichen Charakter und Zweck nicht bewahren können. Es sind nur dürftige Reste geblieben, Erinnerungen, welche eher Wehmuth und Trauer als Freude und Jubel zu wecken vermöchten. Vorschriften, Satzungen, aus der Ferne geholte und theicer bezahlte Symbole — das Leben ist geschwunden. Wir können daher nichts mehr als uns die sittlich religiösen Gedanken, die dein Feste zu Grunde lagen und die es verwirklichte, zntn Bewußtsein bringen und möglichst auf uns einwirken lasser.. Es sind dreierlei, die mit einander im engsten Zusammenhang stehen. Mitten

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