Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1871)
- Date
- 1871-09-19
- Page
- Seite 771 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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771 Handschrift stetS, bis in sein spätes Alter, etwas unbehilfliches ansah. Im Besitze der mächtigen Kunst glaubte Jules Miros sich reif zu großen Thaten. „Eduard/' sagte er eines Tages zu seinem Bruder, „Eduard, bleibe du Juwelier; zahle mir meinen Theil heraus. Ich gehe in die Welt." So geschah es auch; aber in die Welt ging er darum noch nicht. Er blieb zunächst in Bordeaux und fand einen untergeordneten Posten im Douanenfach. Die Zahlen, die durch sein Gehirn da passirten, die koloffalen Summen, mit denen er auf dem Papiere wenigstens zu operiren hatte, die ganze Verwaltungs- Maschine , die dem Staate eine seiner wichtigsten Einnahmen lieferte, reizten sein auf große Operationen gerichtetes Gehirn. Binnen lurzer Zeit durchdrang er den ganzen französischen Steuermeckanismus, er calculirle und untersuchte, ihn interessirten die großen Finanzoperationen, er machte seine Vorgesetzten auf neue Steuerquellen aufmerksam, er spürte Unterschlagungen nach, vereinfachte manche Rechnungßoperation, und wußte stets die Sache an den rechten Mann zu bringen. Ein sauberes Früchtchen — so hatten die Leute in Bordeaux von dem kleinen zehnjährigen Jules gesagt. Ein Teufelskerl — sprachen die höheren Steuerbeamten, wenn ihnen nur der Name Mires genannt wurde. Schätzten ihn auch die höheren Beamten, so war er desto mehr bei seinen gleichgestellten Collegen verhaßt, denen er auf die Finger sah, die manchmal fünf grade sein ließen, die Geld empfingen, wo sie nicht nehmen durften, die niedriger taxirten. Es war ja in Frankreich und man weiß, wie es da in der Verwaltung zugeht und zuging, unter dem Königthum, unter der Republik, unter dem Kaiserreich. Alles verschwor sich gegen Mirös. Er hatte Neider und Hasser — wohl nickt mit Unrecht. Als er nun einst in der Heftigkeit des Streites einem Collegen einen Backenstreich versetzte, da zögerte man nicht, ihn der Polizei anzuzeigen. Drei Tage mußte Mirös ob der Frevelthat im Gefängniß büßen und als er wieder an das Licht von Bordeaux trat, fand er, daß er aus dem Dienst entlassen sei. „Jetzt bin id)," so calculirte Jules „v!s ä vis de rien. Aber das soll ein Wendepunkt in meinem Leben werden. Ich bin dreißig Jahre alt, und stehe mithin in den besten Jahren. Es wird Zeit, daß ich ein großer Mann werde. Aber ist das möglich in Bordeaux? Nimmermehr. Bordeaux ist ein Nest. Es giebt nur eine große Stadt, in der mein Weizen blüht; es giebt nur eine Stadt, die ich beglücke, indem sie mich beglückt. Das ist Paris!" Bescheidenheit war niemals ein Fehler des Herrn Mires gewesen. Wir haben ihn im Jahre 1859 gesehen auf dem Gipfel seines Glückes und Ruhmes, als alles sich vor ihm beugte, als seine genialen Operationen das Entzücken der Börsenleute waren. In einem der ersten Kreise von Paris, wo Diplomaten und Künstler, Börsenmänner und Schriftsteller sich vereinigten, haben wir über eine halbe Stunde mit dem damaligen Börsenkönige gesprochen und seine Ansichten über die Finanzlage Frankreichs vernommen. Er war aalglatt. Schon äußerlich erkannte man auf den ersten Blick den Geldmenschen, den Börsennabob, den Financier. Ein Backenbart rahmte das Gesicht ein; der feine Mund war stets bewegt und oft glitt über denselben ein ironisches Lächeln hin, das eine gewisse Ueberlegenheit verräth. im Grunde aber dazu angethan ist, die eigentliche Snmmung der Seele zu verbergen. Mirbs, das sah ich deutlich, sprach oft mit dem Munde ganz andere Dinge, als er dachte. Vielleicht beschäftigten ihn in dem Momente neue Pläne, während er kühl und mit großer Sachkenntniß die Ziffern der französischen Budgets secirte, wie ein Anatom eine Leiche. Sem Blick hatte dabei etwas Festes, Beobachtendes; durchdringende Intelligenz offenbarte sich in allem — aber Anmuth und Schönheit suchte man auf diesem Gesichte vergeblich. Er lauerte auf meine Antworten., das sah ich ihm an. Aber warum unterhielt er sich so lange mit mir? O, auch dieser Mann war schwach, eitel. Ich war ihm als deutscher Schriftsteller vorgestellt worden, er glaubte damals schon, ich würde über ihn schreiben und darmn suchte er sich im vortheilhastesten Lichte zu zeigen. Aber bisher habe ich noch keine Silbe über ihn veröffentlicht. Jetzt nach seinem Tode ist es Zeit, kurz den LebenSgang dieses Mannes zu skizziren, über den so außerordentlich widersprechende Uriheile umliefen. Wer ihm damals nahe stand, sagte: kein uneigennützigerer, kein wohlthätigerer Mann lebt in Paris, als unser braver Jules Mirös. Wie viel hat er nicht schon den Armen gegeben, wie Manchem hat er durch seine Protection zu einer glanzenden Stellung verholsen. Da ist der, und der, und der — sie Alle sind von Miras gehoben worden und gelten nun als reiche Leute. Er unterstützt das Talent. Dann klagten wieder Andere: Pfui, über diesen kalten, herzlosen Egoisten! Wer recht hatte, ich mag und kann es nicht entscheiden; aber in Einem stimmten regelmäßig alle Parteien überein. Es gibt, so sagte man, schwerlich in Frankreich noch einen zweiten Mann, der so unausgesetzt und rastlos, so eisern arbeitet, wie Miras. Durch Arbeit und Intelligenz ist er zu dem geworden, als der er nun vor uns steht. Bier Stunden Schlaf genügen ihm; zwanzig Stunden sind der Arbeit gewidmet. Er arbeitet stets. Auch wenn er in Gesellschaft sich mit einer Dame über das Theater, über die neueste Oper unterhält — arbeitet er. Er schreibt einen Brief an einen Geschäftsfreund in London und läßt sich gleichzeitig Vortrag über den Stand eines von ihm gegründeten Geldinstituts halten. Dabei lebt er einfach, wie ein Arbeiter; er kennt keinen Luxus, keine Bedürfnisse für feine Person; er ist zufrieden, wenn er auf den Boulevards frische Luft schöpfen kannkSchluß folgt.)