Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1871)
- Date
- 1871-09-19
- Page
- Seite 770 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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m Liften der jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten sah man seinen Namen oft mit bedeutenden Spenden, wahrend seine Frau und seine Töchter die bigotten Katholiken spielten, die Kirchen mit übermäßigen Spenden erfreuten, und die Töchter Träger alter und verblichener Namen heiratheten. Doch dies gehört ja auch zur Charakteristik unserer Periode. Wir geben daher eine Biographie von Jules Mires wörtlich aus dem 7. Heft der Zeitschrift „Welthandel", die freilich, und dies ist uns erwünscht, das Leben dieses Mannes mehr in seiner aufsteigenden als in seiner nieder steigenden Linie beschreibt. Sie lautet: Vor der ernsten Zeit, vor den großen Schlägen, die zerstörend aus ganze Völker niederfallen, tritt der Einzelne schüchtern in den Hintergrund — er müßte denn ein Titane an Geist und Kraft sein, wie Alexander oder Cäsar, wie Karl der Große oder Napoleon, die das Geschick ganzer Völker an ihre Person knüpften. Inmitten des männermordenden Krieges, der jetzt in Frankreich sich abgespielt, sind viele in ihrer Weise hervorragende Persönlichkeiten fast unbemerkt von der Schaubühne abgetreten und in's Jenseits hinüber gegangen, deren man in friedlichen Zeiten ausführlich, in Ehren oder Unehren, je nach Verdienst und Rang, gedacht haben würde. Wie viele haben die Romane von Alexander Dumas gelesen, wie wenige haben sich darum gekümmert, als der fruchtbare Schriftsteller die Augen schloß, gerade als die Deutschen Dieppe besetzten. Dort röchelte er den letzten Seufzer aus, dort trugen ihn wenige Freunde zu Grabe, als schmetternd die deutschen Siegesfanfaren in der alten Stadt am Aermelkanal erklängen. Wer fragte viel nach Guillaume Lejean, dem kühnen und gelehrten Reisenden, dem einstigen Gefangenen des blutigen Königs Theodoros von Abessinien? Auch er ist während des Krieges gestorben. Verschollen fast sind sie im chaotischen Rauschen der Gegenwart, ein Atom, ein Tropfen im ungeheuren Meeresstrudeb unserer Zeit! Wie viel würde man über diese beiden Franzosen geschrieben haben, wenn nicht gewaltigere Stoffe alle Thätigkeit des Schriftstellers in Beschlag genommen hätten! So auch ist es Jules Mirüs ergangen, der müde und matt am 9. Marz zu Marseille die Augen schloß, jener Mann, dessen Name einst neben Pereire, Fould und Rothschild an den Börsen genannt wurde, der glänzend aufstieg wie ein Meteor und schnell wieder verschwand, an desien Fersen sich das Gaukelspiel der französischen Börse in der Blüthezeit des Empire heftete, der heute hochgeehrt, morgen tief verachtet wurde, der eine Laufbahn hinter sich hat, so seltsam, wie kaum ein zweiter Börsenkönig unserer Tage, dessen Anfänge aber merkwürdigerweise an StrouSberg erinnern. In diesen Blattern müssen wir seiner gedenken. Mires' Lebensgeschichte ist wunderbar und liest sich wie ein kleiner Roman. Man sieht Energie, tüchtiges Streben, Mißerfolg und glanzende Operationen, Jammer, Reichthum, skandalöse Processe, alles neben- und übereinander, bunt wechselnd wie die Bilder im Kaleidoskop. 2m Beginne dieses Jahrhunderts war ein Lissaboner Jude, Mires mit Namen, den die „Verhältnisse" in der Heimath nicht litten, nach Bordeaux ausgewandert. Dort hatte er am Quai Nr. 71 einen kleinen Juwelierladen eröffnet; er löthete zerbrochene Silbersachen, reparirte Uhren, lieh auf Pfänder und gedieh dabei leidlich, so daß er heirathen konnte. Zahlreiche Kinder segneten die Ehe; alle waren gesund von Körper und lebhaften Geistes, besonders aber zeichnete sich der 1809 geborene Jules durch Intelligenz und munteres Wesen aus. Ein sauberes Früchtchen das! pflegten die Leute in Bordeaux von>dein Gassenjungen zu sagen, der am Abend am Theater stand, dort die Kutschenschläge öffnete und dafür einen Sous erpreßte. Dann stand er wieder auf dem Posthofe und trug das Gepäck der Reisenden; eine Stunde später verkaufte er in der Passage am Boulevard allerhand Galanterieartikel, Briefcouverte, Siegellack, stets feilschend und handelnd, eifrig auf den Gelderwerb erpicht und dabei von einer geläufigen Suada unterstützt. Jules verließ sich nur auf seine natürlichen Gaben, lesen und schreiben zu lernen, das sei unnütz, hatte sein Vater ihm gesagt, und wenn er später in das Juweliergeschäft eintrete, brauche er praktische Fertigkeiten — aber weiter nichts. Im Alter von zwölf Jahren nahm Papa Mires seinen Jules als Lehrburschen in das Geschäft auf; er traf hier bereits seinen altern Bruder Eduard und beide hämmerten und lötheten nun Gold- und Silbersachen, sie lernten mit dem edlen Metall umgehen und hatten Freude daran. Aber, sauer mußten sie arbeiten, wollten sie sich redlich durch's Leben schlagen. Das eigene Geschäft des alten Mires warf nicht so viel ab und so übernahm er dann meist Aufträge anderer Goldschmiede und Juweliere. Jules hatte viel zu graviren und ciseliren und, wie man sagt, soll er es darin zu einer großen Fertigkeit gebracht haben. Aber, was zu verwundern, er war bereits 25 Jahre alt geworden und konnte weder lesen noch schreiben. Bei uns ist dergleichen undenkbar — aber in Frankreich, ja in Frankreich! Da starb der alte Mires, der am liebsten noch portugiesisch mit seinen Kindern sprach, welche diese Sprache von ihrem Vater noch beigebracht erhalten hatten. Jules und Eduard übernahmen das Geschäft des Vaters; ihre drei Schwestern wurden mit Geld abgefunden, ebenso Adolf,, der jüngste der Brüder, welcher bald darauf nach Paris reiste, um dort das Glück zu versuchen. DaS Glück versuchen! DaS war überhaupt die Parole der Gebrüder Mirös und keiner leistete darin mehr als Jules, der nachherige Börsenkönig, aber er sah ein, daß er, um weiter zu kommen, lesen und schreiben lernen müsse. In unglaublich kurzer Zeit war dieses Kunststück vollbracht, wenn man auch seiner