Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1871)
- Date
- 1871-09-19
- Page
- Seite 772 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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m Vermischtes. Die Wiener Presse erzähl:.- In einem großen westphälischen Badeorte bewegte sich neulich das Gespräch zwischen drei Herren um die Juden frage. Der Eine, ein Protestant, war nicht unfreigebig mit ziemlich heftigen Angriffen auf die Juden, die beiden Anderen, Bekenner des alten Bundes, vertheivigten ihre Stammesgenossen. „Nun, meine Herren," sagte endlich der Angreifer, „mir scheint es. Sie sind selber Juden!" „Gewiß," antworteten die Beiden. „Es war mir," erwiderte darauf der Andere, „nur darum zu thun, dies zu constatiren, weil ich daran zweifelte. Wenn Sie fo tapfere Verfechter Ihres Glaubens sind, so seien Sie es nun auch nicht nur mit Worten, sondern auch mit der That. Ich interessire mich lebhaft für meine jüdischen Mitbürger in meinem Wohnorte Dyhren, welche unter großen Mühen und Sorgen mit dem Neubau einer Synagoge und eines Schulhauses beschäftigt sind. Ich möchte Sie nun bitten, Ihre dortigen Glaubensgenossen darin mit einem Beitragzu unterstützen." Sofort waren die beiden Herren dazu bereit und es ist ihnen nun aus Dyhren ein Dankschreiben zugegangen, in welchem die Bemühungen um Ausführung der gedachten Gemeindebauten geschildert werden und zugleich hervorgehoben wird, eine wie große und rührende Theilnahme die christlichen Mitbürger der Erreichung dieser Ziele angedeihen lassen. Die „Voss. Z." läßt sich aus Rom vom 8. Aug. von den Wiederherstellungsträumen der römischen Klerikalen berichten, und malt dabei die traurigen Folgen einer solchen Restitution für die Bewohner Roms aus. Der Correspondent fährt dann mit Folgendem fort, was zwar früher in d. Bl. ausführlicher mitgetheilt worden — denn in den römischen Delegationen waren die Paßbeschränkungen und die Paßformulare für die inländischen Juden noch viel ärger — was aber in Erinnerung zu bringen doch nicht nutzlos ist. Er sagt: Was würden selbst auch die Juden anfangen, von denen heute zwei Ehrenmänner im Senat der Stadt mit als Räthe sitzen, wenn man ihnen wieder die Rechte freigeborener Menschen nähme und sie wie früher unter die strenge Aufsicht der geistlichen Inquisition stellte? Vor dem 20. September 1870 konnte sich kein Jude aus Rom entfernen, ohne folgende Bescheinigung einzuholen: „Criminalgericht des Vicariats von Rom und Umgegend. Es wird dem Juden N.N., aus Nom gebürtig, gestattet, sich auf drei Monate Geschäfte halber nach Civitavecchia zu begeben, doch unter der bestimmten Bedingung, daß auf der Reise fein Verhalten in keiner Beziehung incorrect fei, wie in Bezug auf unsere h. Religion, so seitens der guten Sitte. Nach seiner Rückkehr hat er diese Licenz auf's schleunigste dem Tribunal zurückzugeben, da für jede Reise eine neue Erlaubniß uöthig ist. Die Licenz verliert ihre Giltigkeit, wenn sie der Inhaber nicht sogleich bei der Ankunft am Ziele der Reise dem Bischof, Inquisitor oder ihrem Licar vorzeigt, das „Visto“ zu erhalten. Die genannten geistlichen Würdenträger können sie für ihren, wie für jeden andern Ort der Diöcese, wenn sie wollen, verlängern." Mit Bezug auf die auch von uns mitgetheilte Jeremiade des Berliner „Vereins zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden" in seinem „Jahresberichte" über den häufigen Uebertritt von Christen zum Judenthume bemerkt ein Berliner Blatt, daß er sich zu einem „Vereine zur Verhinderung des Uebertritts vom Christenzum Judenthume" umwandeln solle, und räth ihm. dieselben Mittel hierfür anzuwenden, die der Verein bis jetzt freilich erfolglos denn das bekennt der Verein selbst — zur Bekehrung von Juden verwendet hat. Welche Mittelchen die protestantischen Pietisten anwenden , um ihren Aberglauben in die Herzen der Kinder zu senken, siel uns in diesen Tagen in einem kleinen, aber sehr charakteristischen Beispiele auf.- Wer kennt nicht aus seiner Kindheit noch das Hölty'sche Gedicht: „Ueb' immer Treu und Redlichkeit?" Da heißt der 4. Vers: „Dem Bösewicht wird Alles schwer. Er thue, was er thu'; Das Laster treibt ihn hin und her Und läßt ihm keine Ruh." Da haben wir nun das „Deutsche Lesebuch, bearbeitet von Schierhorn. Mittlere Stufe, Brandenburg 180t" in Händen, das in viele evangelische Schulen emgeführt ist. Während nun dieses Lesebuch, als es von Herrn Schierhorn noch nicht bearbeitet war, den angeführten Vers richtig gegeben, verbesserte dieser Mann den Dichter und ließ anstatt „das Laster" — „derTeufel" drucken. Tie lieben Kindlein lesen also nunmehr: „Ter Teufel treibt ihn hin und her Und läßt ihm keine Ruh." Herr Schierhorn weiß es besser als Hölty, daß es nicht das Laster, sondern der Teufel ist. Den Teufel auch! Vertag von Baumgartners Buchbandkung in Leipzig. — Druck von 3. B. Hirfküfeld. Verantwortlicher Rcdacteur Or. H. Lotze.