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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-19 · Heft 38 (19.9.1871) · p. Seite 769

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 38 (19.9.1871)
Date
1871-09-19
Page
Seite 769 (sequence 19)
Language
German
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Allgemeine FemlleLon-Geilage zu Ar. 38. Leipzig,, den 19. September 1871. Das Leben einer gefallenen Specnlantengröße. Die gegenwärtige Welt gleicht mehr als je eine frühere einem Kaleidoskop, das bei jedem Anstoße die verschiedenartigste Farbenmischung und die mannigfaltigsten Gestalten dem Beschauer bietet. An sonderbaren Originalen mag die Vergangenheit reicher gewesen sein, weil abgegränzte Verhältnisse einseitigen Charakteren und Richtungen die Gelegenheit boten, sich in sich selbst einzuspinnen. Aber das. größere Durcheinander unserer Zeit, die beständigen Schwingungen von oben nach unten und von unten nach oben, die Mannigfaltigkeit und der schnelle Wechsel schleifen die Menschen zwar mehr ab, bringen dagegen hundertfältige Formen hervor, in welchen das Leben wohl- und mißgestaltet sich darstellt. Ein solches Kaleidoskop in kleinerem Maße, aber in ganz besonderer Vielfältigkeit, ist die jüdische Welt der Gegenwart, wenn man, so weit sie auch zerstreut ist, sie mit einem Blicke überschaut. Der Bildungsproceß, welcher seit einem Jahrhundert die Juden ergriffen hat, aber, wir möchten sagen, geographisch in verschiedenen Maßen und in der eigentümlichen Weise der Länder, denen sie angehören, und welcher naturgemäß bedeutende Rückstände des früheren jüdischen Lebens mit den Elementen des modernen gar inannigfaltig verschmilzt, konnte und kann nicht anders als eine eigenthümliche Mischung und eine bunte Menge besonderer Gestalten produciren. Der orientalische Chacham, der chassidische Rebbe, der polnische Rabbi, der neuorthodoxe Rabbiner in Frack und Glacehandschuh, der reformistische Prediger, der pädagogisch geschulte Lehrer und der Schochet, der zugleich „mit den Kindern jüdisch lernt," welche Verschiedenheit der Gestalten und doch allesammt geschichtlich geworden und berechtigt! Der orientalische Tragoman, der Rendar, der Wechselagent und der Börsenspeculant, der Hausirer, der Detaillist und der Großhändler, der Handwerker und der Fabricant, der russische Stein klopfer und der holländische Lastträger, der polnische Fuhrmann und der Eiseubahnverwalter, der Künstler, der Gelehrte, der Arzt, der Advocat, der Stadtverordnete und daL Parlamentsmitglied, der Soldat und der Ossicier— und wie viele Nuancen noch mehr, und Alle doch Juden mit einer gewissen geschichtlichen Eigenthüinlichkeit, anders als ihre dahingeschiedenen Väter und anders als ihre kommenden Enkel — welche Aufgabe für den Charakterzeichner, der das Bild einer vergänglichen Epoche für die Mitwelt zum Bewußtsein, für die Nachwelt zum Verständniß und Gedächtniß zu fixiren strebt! Ob rühmens- und radelnßwerth, ob nützlich oder schädlich oder beides zugleich, er darf keine dieser Gestalten übersehen, ohne das Gemälde mangelhaft zu lassen. Und dann, woran sollen die künftigen Geschlechter das Vorbild für ihre Bestrebungen und die Abschreckung von Nachahmung entnehmen, wenn nicht von der treuen Schilderung dessen, was wirklich und wie es gewesen? Dies wird erklären, warum wir hier auf das Leben eines Mannes zurückkommen, der wie ein stüchtiges Meteor erschien und verschwand, in seinem hellsten Glanze zwar blendenden Schimmer, aber doch mit stechenden Lichtern verbreitete, und in seinem Falle widrige Farben zeigte, jedenfalls in der Eigenthümlichkeit seines Lebensganges, in der Art und der Kraft, wie er sich heraufarbeitete, merkwürdig ist. Auch ist es uns nicht darum zu thun. ein Urtheil zu fällen, dazu liegen uns die Acten nicht vor und fehlt uns auch das Verständniß, sondern nur um ein Charakterbild zu geben. Wir sprechen von Jules Mir es. Unsere Leser erinnern sich, daß auch wir vor einigen Monden von dem Absterben und dem Begräbniß dieses Mannes berichteten, wie er in der Verborgenheit verschied und auf dem jüdischen Friedhof fast heimlich beerdigt ward, da seine eigene Familie sich scheute oder schämte, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Mirbs war Jude von der Geburt bis zum Tode, wenn auch seine Frau und seine Töchter katholisch geworden. Da er das Unglück hatte, ein höchst thörichtes Weib zu besitzen, wir wissen nicht, ob erst im Glücke thöricht geworden, ein Weib, das selbst in Paris durch auffälliges, prunkendes und geschmackloses Auftreten, durch Schminke und Flitter sich Mißachtung zuzog, so wissen wir auch nicht, wie weit Mirirs selbst oder seine Frau an diesem Abfall schuldig war; wir wissen es um so weniger, als der Financier MiröS viel mit dem Papste machte und uiit den päpstlichen Eisenbahnen. Genug, Miri-s erschien an den hohen jüdischen Feiertagen öfter in der Synagoge, und in den

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