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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-19 · Heft 38 (19.9.1871) · p. Seite 761

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 38 (19.9.1871)
Date
1871-09-19
Page
Seite 761 (sequence 11)
Language
German
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761 Herz, daß sie cs nicht versäumen mögen, an dein Wahlact theilzunchmcn, an dem schönsten bürgerlichen Rechte, in dessen Ausübung sie eine Pflicht erfüllen gegen den Staat, dessen Bürger sie sind; gegen den erlauchten Monarchen und gegen ihren Glauben, da alle sittlichen Beziehungen des Staates untrennbar Zusammengehen. Keine Reise, kein Geschäft könne ein Wegbleiben von der Wahl entschuldigen." Wir müssen gestehen, daß diese Kungebnng von der Canzel, wenn sie auch in ihrem Inhalte von Gcsinnungsfestigkcit zeugt, uns und viele Andere srappirt hat. Die Liberalen selbst haben stets dagegen protestirt, daß die Tagespolitik auf die Canzel gebracht werde, daß sie, wenn dies and; zu ihren Gunsten geschieht, sich nicht damit übereinstimmend erklären dürfen. Sie haben die Besprechung von politischen Tagcsfragcn von der Canzel verbannt verlangt, und zwar mit vollem Rechte, und über den Mißbrauch geklagt, der von ihren Gegnern von diesem Agitationsmittel oft gemacht tvorden ist. Wer hätte sich übrigens hierüber mehr zu beklagen, als wir Juden? Gegen tven ist, und zwar nicht aus religiösen Gründen und um dogmatischer Motive witten, sondern in politischer und socialer Beziehung von der Canzel mehr gedonnert worden als gegen uns? Das einzige Mittel hiergegen ist immer, die Entweihung der Canzel durch solche Gegenstände zu behaupten. Hüten wir uns also, unseren Gegnern das Feld dadurch frei 311 machen, daß wir auf unseren Canzeln dasselbe thun. Man mißverstehe uns nicht; wir meinen nicht, daß die Behandlung der großen politischen und socialen Principien auf der Canzel vermieden werden müsse; diese aus dem Gesichtspuncte der Religion und insouders des Judcnthnms zu beleuchten, ist-ebenso das Amt der Canzel, wie die Vorschriften der Moral zu besprechen. Beide sind im Grunde dieselben, nur daß die letzteren sich an das Individuum wenden, während jene die große menschheitliche Gesellschaft betreffen. Aber so.wie sich diese Principien in die Creiguisse und Fragen des Tages wandeln, gehört jede Besprechung von der Canzel ebenso hinweg, wie etwa die Handlungen und Vergehen Einzelner. Die jüdische Canzel stellt zugleich die Gemeinde, ja die jüdische Gesammlhcit vor, und diese ist nicht politisch, hat mit der Tagespolitik nichts zu schaffen, und erweckt sich durch das Gegenthcil nur Feinde, und zwar unnöthiger und ungerechtfertigter Weise, Feinde, die oft sehr mächtig sind und alsbald ihren Einfluß gegen sie fühlbar machen. Selbst letzteres fürchten wir nicht, wo wir im Rechte sind, scheuen es aber durchaus, wo uns selbst Mißbrauch nitd Unrecht vorgeworfen werden können, und das Provociren auf unserer Seite liegt. Als Charakteristicum theile ich Ihnen Folgendes aus der hiesigen „Presse" mit: Das „Vaterland", das in der jetzigen Wahlbewegnng mit voller Dampfkraft für die Zerstückelung deS Reiches arbeitet, bringt heute folgende trollige Notiz: Schon vor einigen Tagen wurden wir benachrichtigt, daß man 'hier alle Mittel der perfidesten Hetzereien in Anwendung bringe, um unsere israelitischen Mitbürger zur entschiedensten Opposition gegen den Ausgleich anfznreizen. Ein liberaler H o f r a th sprach sich vor einigen Tagen einer jüdischen Notabilität gegenüber auf einem Spaziergänge über die Ringstraße dahin aus: alle diese Paläste würden dem Petroleunr zum Opfer fallen, iiu'im die „Schwarzen" ans Ruder kämen. Wir würden von solchen wahnwitzigen Phrasen keine Notiz nehmen, wenn sie nicht auch in einer hiesigen, die spccifisch israelitischen Interessen vertretenden Zeitschrift, als deren ständiger Mitarbeiter uns Herr Kuranda genannt wird, Wiederklang fänden. Es wird da mit Hinweisung ans den Syllabus und eine. Wuvi* flehende Jndcnanstrcibung 311111 Widcrstange gegen die ausglcichsfreundliche Strömung aufgefordcrt. Solche Manöver, die offenbar den israelitischen Wählern in beleidigender Weise gänzliche Unkenntniß der Sachlage znmuthen, müssen aufs Entschiedenste verurtheilt und öffentlich gebrandmarkt werden. Es ist wohl überflüssig, besonders zu betonen, daß der Syllabus, der allerdings für alle Katholiken maßgebend ist, nur das Princip der Gleichberechtigung aller „Confessionen", wonach alle Glaubensbekenntnisse im Staate gleich gut oder vielmehr gleich schlecht sind, verwirft, nicht aber irgendwelche Bedrückung der Juden oder Verkürzung ihrer politischen Rechte anordnet. „Es geschieht Ihnen nichts," sagte der Henker beruhigend zum Delinquenten, „Sie werden nur ein wenig aufgchcnkt werden." Tie Bemühungen des „Vaterland" , den alle Welt verfluchenden Syllabus just für die Inden im angenehmsten Lichte darzufletten, sind hochkomisch. Also nur die Gleichberechtigung der Confessionen soll hintangehalten werden, mehr wird gar nicht verlangt. Dieses Gefländniß ist von einer 35*

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