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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-19 · Heft 38 (19.9.1871) · p. Seite 760

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 38 (19.9.1871)
Date
1871-09-19
Page
Seite 760 (sequence 10)
Language
German
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760 Stuttgart, 10. Sept. (Privatm.) Ter Schwäbische Mercur bringt aus Hohenzollern-Sigm a rin gen einen Bericht, der in Folge der von der erzbischöflichen Curie in Freiburz ausgesprochenen Intoleranz große Sensation macht. „Aus Hohcnzollern, den 5. September 1571. Am 3. d. M. veranstaltete die Stadtgemeinde Haigcrloch in Hohenzollern-Sigmaringen zu Ehren der nun sämmtlich zurückgekchrtcn Krieger ein Fest, in dessen Programm ein Festzug in die katholische Schtoßkirche ausgenommen war. Unter den Kriegern befinden sich auch mehrere Israeliten, von denen einer mit dem c i sc r n e n K r e u z e decorirt ist. Selbstredend recrutirtcn sich die beim Feste thätigen Ehrenjungfrauen auch aus der israelitischen Gemeinde. Anläßlich eines im Jahre 1866 bei gleicher Gelegenheit vorgekommenen Falles wurde Seitens der Gemeindevertretung beim katholischen Pfarrer angefragt, ob den israelitischen im Festzuge befindlichen Kriegern und Ehrenjungfrauen der Eintritt in die katholische Kirche und die Anwohnung des Gottesdienstes gestattet sei. Auf Seitens des Pfarrers bei der erzbischöflichen Curie in Freiburg geschehene Anfrage erfolgte die Antwort: „Nein!" Im August tagten in Württemberg die Lehrerverctnc der drei Coufessienen in verschiedenen Versammlungen, alle drei aber werden sich den Beschlüssen des evangelischen Volksschullehrervereins in Ludwigsburg anschließen und gemeinschaftliche Eingaben um Aufbesserung der ökonomischen Stellung der Lehrer bei den gesetzgeberischen Faetoren einbringen. Der Verein israelitischer Lehrer hat in der Versanunlung zu Heilbronn beschlossen, Herrn Oberkirchenvorsteher Dr. Adolph Lcvi ans Stuttgart zn seinem Ehrenmitgliede zu ernennen, um ihm dadurch den Tank des Vereins für seine Bemühungen zur Förderung des Nnterstütznngsvercines für israelit. Lehrcrwittweu und Waisen auszusprechen. — Tie Wanderzüge jüdischer Bettler aus den östlichen Grenzländern nehmen in erschreckender Weise zn, daß sie bald zur Bölkerwanderung werden. Es ist nicht selten, daß 10 bis 50 in einer Gemeinde über den Sabbath verweilen; viele kommen mit Roß und Wagen und cs hat sich ein eignes Fiacrcwesen unter ihnen gebildet. Ausfallend ist die große Anzahl von Augenleidenden und Blinden unter ihnen. Ter sittliche Zustand dieser Bettelkarawanen ist ein trostloser, und wie in den Schlafstättcn, den sogenannten Schnurrherbergen im Anfang dieses Jahrhunderts, der Pfühl der Entsittlichung war, so drohen gleiche Culturzustände wieder die sittlichen Errungenschaften eines halben Jahrhunderts zu vernichten. Der Bundestag hat jener socialen Calamität ein Ende gemacht, indem er allen heimathlosen Juden ein Ortsbeisitzrecht anwies, wozu die Classe der „Ein ge sch übten" d. h. der zwangsweise einer Gemeinde zugewiesenen Einwohner gehörten. Ter Calamität, wie sie jetzt besteht, kann auch nur von „reichswegen" abgeholfen werden. Die Hintertreibung des Gemeindebnndcs von seiten der Gesetzestreuen aus religiöser Unduldsamkeit, weil sie nicht rettende Menschen- und Bruderliebe in Gemeinschaft mit den Reforinjuden üben wollen,.wird cs dahin bringen, daß man die Hilfe des Polizeistaatcs gegen dieses barbarische Proletariat anrufen muß. Diese aus slavischen Ländern zu uns eindringenden Bettlerzüge sind nicht deßwcgcn lästig, weil sie uns unbeqncnr sind, sondern weil sie entsittlichend auf unsere geordneten Culturzustände wirken. Wie die Extreme sich stets berühren, so reichen die jüdischen Proletarier aus dem Osten denen aus dem Westen, vom Elsaß, die Hände; es werden wilde Che geschlossen, um sie alsbald nach Opportunität wieder zu lösen. Die Spalten gewisser jüdischer Blätter werden dann bald nicht mehr Raum genug bieten, um die durchgegangenen Ehemänner verlassener Frauen aufzustöbern. — Am 9. September wurde in allen Synagogen des Landes das Geburtsfest Ihrer Majestät der Königin Olga gefeiert, der von ihr selbst gewählte Predigttext war Psalm 126, 3. Oesterrcichischungarische Monarchie. Wien, 27. August. (Privatmitth.) Die hiesigen Zeitungen enthalten folgende Mittheilung: „Der Prediger der israelitischen Cultusgemeinde, Dr. Güdemann, hat am Schluffe seiner heutigen Predigt Veranlassung genommen, ans die Wichtigkeit der bevorstehenden Landtagslvahlcn die zahlreich Anwesenden aufmerksam zu machen. Er betonte, daß der jüdische Standpuuct kein anderer als ein freiheitlicher sein könne; denn die Geschichte und die Religion des JudenthumS fängt mit dem Satze an: Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich heransgeführt aus dem Laude der Knechtschaft — zur Freiheit. Er legte cs den jüdischen Wählern ans

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