Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1871)
- Date
- 1871-09-19
- Page
- Seite 757 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226837--29862-3252720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
757 berliner Gemeinde an Mitgliederzahl ist ein so schnelles, wie wohl das keiner anderen israelitischen Gemeinde Europas. Die Schilderung des Hauptfestes in der neuen Synagoge überlasse ich einem anderen Ihrer Eorrespondenten. Auch die alte Synagoge u\ir mit Andächtigen gefüllt. ES war hier das Programm mit geringen Abweichungen dasselbe, wie in der neuen Synagoge, nur fehlte dem Ehore die Orgelbegleitung, die iudeß an diesem Tage durch Blasinstrumente und Pauken ersetzt wurde. Die Festpredigt hielt hier Herr l)r. Aub, der in angemessener und klarer Weise die Bedeutung des Tages, die schweren inneren und äußeren Kämpfe, durch welche die Gemeinde, sich hat durchriugen müssen, darstellte. — Eine außergottesdienstliche Feier des Tages hat, wenigstens in osfieieller Weise, nicht stattgesunden. M. Berlin, 11. Sept. (Privatmitth.) In der sogenannten Adaß-Israel- Gemeinde (um des Himmels willen nicht Adaß Israel) wurde schon am vergangenen Sabbath die Sacularfcier der jüd. Gemeinde zu Berlin begangen. Das Vttnrßifd;c dieser Feier bctrefend haben wir nichts Neues zu berichten, wir müßten denn die eigeuthümliche Melodie bei wan ",m:n ararn?, eigens zu diesem Zwecke von Dr. Hildesheimer componirt und von ihm selbst vorgetragen, für ettvas Wichtiges halten. ES bestieg derselbe den Lehrstuhl (Eanzel dürfen wir wohl nicht sagen) zu Ende der Thoravorlesung und betonte in den zwei Einleitungen seiner in der That ungeordneten von sonderbarem Stickhusten begleiteten Rede namentlich, daß diese wichtige Feier ganz insbesondere die Adaß-Jsroel-Gemeinde berühren müsse; denn jüdisches Leben, jüdisches Wissen, jüdische Herzen flüchten doch nur hierher, nach dieser Stätte wahrhafter Anbetung in den Kreis derer, die das Gesetz mit der Tradition wahrhaft zu halten gesonnen wären. Er stützte sich ans den Text: L-'N tn Vnp- „Sammle das Bolk, Männer, Weiber, Kinder u. s. w." Er stellte cs nicht in Abrede, daß der israelit. Gemeinde zu Berlin im Allgemeinen keine einzige gleich käme: wollte das aber doch von einzelnen Gemeinden nicht gelten lassen. Er sprach von dem kleinen, verwachsenen Juden, der so Großes für die Wissenschaft geleistet, scheute sich aber den gewiß geheiligten Namen Moses Mendelssohn zu nennen, und cS trat dann eine gewisse Verwirrung in den ganzen Entwurf seiner Rede ein. Henriette Herz und Lady Montefiore traten plötzlich, wenn wir so sagen dürfen, auf den Kampfplatz, und überraschten das Auditorium, das in größerer Anzahl wenig von diesen Persönlichkeiten wußte. Jetzt begann erst, allen homiletischen Regeln zuwider, die Auslegung des Textes. Männer, Weiber und Kinder. WaS ist ein jüdischer Mann, was ein jüdisches Weib und ein jüdisches Kind? Alle diese Fragen wurden im rein konservativen Sinne auf die interessanteste Weise beantwortet. Midraschim häuften sich auf Midraschim, die recht pignant auögelegt wurden. Das ist das Feld, das. Hildesheimer vorzüglich zu bearbeiten versteht und wäre nicht der böse konservative Husten, wir könnten uns auch an seinen Vortrag gewöhnen. Ans Sonntag, den 10. Septbr. um 10 Uhr war die Säcularfcier in den beiden Hauptsynagogen festgestellt, welche in der neuen Synagoge, nachdem dieselbe in allen Räumen gefüllt war, ungefähr gegen 11 Uhr begann. Unter den Eingeladenen bemerkte man einen Eommissarius des Königl. Polizeipräsidiums, den Oberbürgermeister Seidel und eine Deputation der Stadtverordneten , welche die vorderste!: Sitze einnahmen; ebenso waren den Vertretern der Presse Plätze angewiesen. Es war eilt erhebender Anblick, den mit Blumen festlich geschmückten Tempel heute, tvie am Versöhnungstage besucht, zu sehen und cS gereicht dem Vorstände die ganze Anordnung wahrhaft zur Ehre. Der liturgische Thcil von Geiger bearbeitet, bietet waS den Text betrifft, nichts Bemerkenswcrihes dar, mit Ausnahme des Liedes von Horwitz das ihm außerordentlich gelungen ist. Die Eoinposition. der ganzen Liturgie von uuserm genialen Musikdirektor Lewandowski war von großartiger Wirkung. Außer dem künstlerischen Werth tvas Jnstrumcntirung und musikalische Gedankenfülle anbctrifjt, lag der Schtverpunct der schwierigen Aufgabe in dem Einfallen der Gemeinde des dreimal Heilig nach der üblichen gewohnten Melodie, tvodurch neben der an diesem Tage wohl angebrachten Kirchenmusik, der jüdische Charakter im SynagogengesaNge nicht verloren ging. Ebenso verdient der Borbeter Joachitn bezüglich seines Vortrages rühmlichst erwähnt zu werden. Rach dem Responsorinm bestieg Geiger die Eanzel um den Weihespruch irn.-:« anszusprechen. Die heilige Lade wurde geöffnet und mit der Thora im Arm hielt derselbe ein schönes, alle