Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1871)
- Date
- 1871-09-19
- Page
- Seite 752 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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752 zeitig trafen unsere Weisen alle mögliche Vorsicht, die Heiligung dieses Tages nicht zu einer bloßen Formheilig-' feit entarten zu lassen, und nicht allein, daß sie durch die Wahl der Haphthora des Tages das Volk darauf aufmerksam machten, daß ohne wahrhaft reuige Gesinnung und cntsprechcndende Thaten die bloße Beobachtung dieses Tages wirkungslos bleibe: durch viele Aussprüche, wie wir bereits öfter darzulegen Gelegenheit nahmen, suchten sie falsche Vorstellungen von der Wirkung des Tages zu verhindern, wie daß Sünden gegen die 9fe-- benmenschen verübt, vorn Versöhnungstage nicht versöhnt werden können, wenn nicht eine Versöhnung des Beleidigten, eine Entschädigung des Geschädigten vorangegangen; daß, wenn der Sünder im Sinne habe, er könne sündigen, der Versöhnungötag versöhne, und dann könne er wieder sündigen, der Versöhnungötag nicht versöhne und dgl. m. (Mischn. Jom. 8, 0). Früher wurden diese Vorschriften nicht blos als ideale angesehen, sondern ganz wörtlich genommen und buchstäblich auögeführt. Als Knaben hätten wir nicht gewagt, an den Versöhnungötag heranzutreten, ohne alle die kleinen Zwistigkeiten ausgeglichen zu haben, welche auch zwischen Altersgenossen und Schulfreunden vorkamen, und pflegten diese Versöhnungen die eben noch feindlich Gesinnten um so enger wieder zu verbrüdern. Sehr häufig sahen wir bejahrte Mitglieder der Gemeinde, zwischen denen im Laufe des Jahres Streitigkeiten, oft sehr erbitterte, vorgefallen, vor dem Beginne res Festes sich einander nähern, um Verzeihung bitten, und durch herzlichen Händedruck ihre gegenseitige Versöhnung bekräftigen. In unserer Zeit hat der Jom Kippur eine neue und überaus wichtige Bedeutung erhalten. Sehr Zahlreiche Individuen jedes Alters und Geschlechts, jedes Standes und jeder Bildungsstufe haben sich der religiösen Uebung überaus entfremdet; sie werden selten im Gotteöhause gesehen und in.ihren eigenen Häusern ist jede religiöse Praxis geschwunden. Aber zum Jom Kippur wenden sich Alle, mit sehr geringen Ausnahmen, zur väterlichen Neligion zurück; diesen Tag halten sie im Geiste wie gottesdienstlich fest, und erneuern so an ihm wenigstens das Band, das sie an die väterliche Neligion knüpft. Wer sich nicht blos in Fanatismus verrennt, wird dieses Moment als von größter Bedeutung würdigen; mit den thatsächlichen Verhältnissen rechnend und wissend, daß selbst die eifrigsten Bestrebungen, die Geistesrichtung der Zeit nach dem zu ändern, was wir wünschen und für heilsam erachten, stets nur von einem theilweisen Erfolge begleitet sind, wird er der Institution deS Jom Kippur diese Wirkung mit vollem Danke zuschreiben. Religiöse Satzungen und Vorschriften haben keine absolute Wirkung, wie ein Naturgesetz, keine unbedingte Folgerung, wie ein mathematischer oder logischer Lehrsatz. Sie sind dem Gewissen, der Stimmung, dem Charakter jedes Einzelnen hingegeben, denn ihre Verletzung ist nicht von greifbaren Strafen begleitet, wie das bürgerliche Strafgesetzbuch, ihre Beobachtung nicht von sichtbarem Gewinn, wie die Thätigkeit in der materiellen Welt. Wer von der religiösen Trauung forderte, daß sie alle Ehen friedlich, einträchtig, glücklich mache, würde einen thörichlcu Anspruch erheben. Aber sie ist es, welche über die Eheschließung eine höhere Weihe verbreitet und das Bewußtsein befestigt, daß der menschlichen Ehe auch ein religiös sittlicher Charakter, eine religiös sittliche Aufgabe und Pflicht einwohnt, die Ehe auch eine religiös sittliche Institution ist, wie die heil. Schrift auf ihren ersten Seiten ausgesprochen. Was würde aus der Ehe, wenn sie lediglich als ein bürgerlicher Vertrag mit bürgerlichen 'Rechten und Pflichten angesehen und behandelt würde? - So auch der Jom Kippur. Daß alle Bekenner des Judenthums, die ihn. beobachten, die ihn feiern, süudenfrei, wahrhaft geläutert aus ihm hervorgehen, wäre eine Erwartung, eine Forderung, welche jede Kenntniß der menschlichen Natur verleugnete. Aber dieses erhabene Fest pflanzt mitten in dem Getreibe der Welt, mitten in dem Gewirre der für den Menschen so sehr realen Verhältnisse des gewöhnlichen Lebens die Standarte der Neligion auf, das ist das Bewußtsein einer höheren Welt, eines schwer wiegenden Verhältnisses des Menschen zu Gott, in welchem die Erkenntniß, die Tugend, die Pflichterfüllung die unausweichlichen Bedingungen sind. Dies ist schon ein großes Verdienst. Aber es durchdringt auch Viele mit dem Gefühle der Abhängigkeit von Gott, der menschlichen Hinfälligkeit und Vergänglichkeit; es weist darauf hin, daß Erwerb und Genuß, Neichthum und Lust doch nicht die eigentlichen Ziele des Menschen sind, und daß er, so weit er davon äbgeirrt, doch nur durch die Umkehr zum wahren Frieden, zur dauernden Sicherheit gelangen könne. Dies ist ein großes Verdienst, und um so größer, je weiter sich das Geschlecht, mit den großen Aufgaben der Zeit beschäftigt, von diesem Standpuncte entfernt hat. Ja, in diesem Sinne bewirkt der Jom Kippur eine Versöhnung des allgemeinen Heiligthums, wie einst das an ihm dargebrachte Opfer zunächst das Heiligthum des