Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1871)
- Date
- 1871-09-12
- Page
- Seite 749 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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749 überragt und eben dadurch geeignet ist, in die unbegrenzte Ferne zu wirken. Nimm diese Individuen aus der Geschichte heraus, und das ganze Leben der Nationen ist der Beachtung nicht werth, ein stiller, unbeweglicher Teich, der bald zum Sumpfe wird." Lippert wußte zu wohl, daß diese Art, die Geschichte anzusehen, der weiblichen Natur am meisten zusagt, welche die einzelnen Erscheinungen eher zu begreifen, als den innern Zusammenhang der Dinge anfzufassen vermag, und mehr Scharfsinn besitzt, um die Verschiedenheit in den Eigenschaften ünd Merkmalen herauszufinden, als das, was man in der Logik Witz nennt und was in der Erkenntniß der Aehnlichkeiten, der Gleichartigkeit und tiefer liegenden Verbindung besteht. Dennoch stieß hier Lippert auf einen ersten Widerspruch bei Lina. „Wie?" sagte sie, „wäre denn Alles nur nach dem Erfolge und der Wirkung zu beurtheilen, und nicht nach den Motiven und dem sittlichen Gehalt der Handlungen? Macht der unberechnete Zusammenstoß von Ursachen nichts aus. durch welchen oft den kleinlichsten Triebfedern und Gedanken große Ereignisse von bedeutendster Tragweite entspringen, so daß wir eben auf jene zurückzugehen genöthigt wären?" „Diese Anschauungsweise", erwiderte Lippert, „ist völlig geeignet für den Einzelnen und in der Beurtheilung einer einzelnen Thatsache, nicht aber auf dem Gebiete der großen Geschichte. Wenn Du von einer Höhe eine ausgedehnte Ueberschwemmung betrachtest, so magst Du wohl klagen über einige ertrunkene Thiere und entwurzelte Bäume, die Dir zu Füßen herangeschwemmt werden. Du wirst aber deshalb die Natur nicht als gewaltthäig anklagen dürfen, welche nach ihren ewigen Gesetzen waltet und durch diesen Wasserschwall eine dürre Landschaft befruchtet und zahllose Leben daraus ersprießen macht." Diese Antwort blendete Lina und ließ sie schweigen; aber sie konnte doch einige Zweifel nicht überwinden, welche sich in ihr regten und die erst später sich zu Widersprüchen gestalteten, unter deren Einfluß alle die Beweise Lipperts sich zu Gegenbeweisen umwandeln ließen. Auch wiederholte er in der mannigfaltigsten Weise diese für einen jungen ungeübten Geist so verführerischen Meinungen und stützte sie durch immer neue, in die Augen springende B weise, daß sich Lina's Gemüth ihnen ruhig überließ und vorauösetzte, daß, je weiter sie ihrem bewunderten und geliebten Führer folgen werde, ihre Ueberzeugung an Festigkeit und Tiefe gewinnen müsse. „Was ist", sprach Lippert ein anderes Mal zu Lina, „waS ist die Natur? Nickuo anderes als die unendliche Zahl von Einzelwesen. Eine Allgemeinheit besteht nur in der Vorstellung der Menschen, und auch hier nicht wirklich, da sie in ihrer Unbegrenztheit keinen wirklichen Begriff zuläßt Was wir die Ordnung in der Natur zu nennen Pflegen, ist doch nur das Verhalten der Individuen zu einander, welches in seiner Wirkung die Einen erhält, die Anderen ihrer eigenen Existenz beraubt. Die Gesammtheit gleichartiger Wesen um einen Mittelpunkt bildet wiederum auch nur ein Individuum. Man lehrt uns, daß jeder der zahllosen Sterne, die wir gewahren, eine Sonne ist, Mittelpunkt einer Anzahl Erdkörper. So bildet jedes sogenannte Sonnensystem ein Individuum, über dessen Grenze hinaus unsere Beobachtung kein Resultat mehr erzielt. Es wird da Alles Voraussetzung, und diese hat den Menschen oft schon so gründlich getäuscht, daß sie mehr die Verneinung deS Wissens bedeutet als eine Schlußfolgerung, auf die irgend ein Verlaß wäre. Nun, gehen wir weiter, meine Theure. Was stellt die Pflanze hoch über alles Mineral, das durch seine Krystallisation nur seine Elemente bindet und seine Formen bestimmt? Daß in der Pflanze ein inneres Leben, eine Bewegung, ein Stoffwechsel, ein Annehmen, Umwandeln und Abgeben stattfindet. Aber unendlich über die Pflanze hebt sich das Thier und zwar weil es freie, willkürliche Bewegung hat. Eine solche aber setzt einen Willen, eine Erinnerung, Beobachtung, eine gewisse Verbindung von Ursache und Wirkung voraus. Das kleine Insect, dem ich auf seinem Weg meinen Finger entgegenstelle und das, statt über denselben zu laufen, was ihm so leicht wäre, ihn umgeht, zeugt von der Vorstellung der Gefahr, von der Erinnerung an unangenehme Wirkungen, also von Beobachtung und Erfahrung. Je mehr davon in einem Thiere vorhanden ist, je mehr es so einen bestimmten Charakter, wesentliche, von den anderen sich abhebende Eigenschaften besitzt, desto höher steht es und desto mehr beherrscht es seinen Kreis. Darin steht nun der Mensch auf der höchsten Stufe der der Erde angehörigen Individuen. Das Selbstbewußtsein, die dadurch bewirkte höchste Freiheit seines Willens, die große Empfänglichkeit seines Geistes, welche durch die außerordentlich zahlreichen Eindrücke, die sie möglich macht, ein umfassendes Gedächtniß schafft, die tief eingehende Combination, welche auö diesem weitläufigen Material das Aehnliche zu verbinden, das Verschiedene zu sondern vermag, die Steigerung des Verlangens zur Leidenschaft und die Verbindung der Gedanken mit der Leidenschaft, um den Willen zu produciren, dies Alles in der verschiedenartigsten Abstufung und Mischung giebt dem Menschen einen Charakter, der weit mehr jeden einzelnen Menschen individuell stempelt als alle Verschiedenheit seiner äußeren Erscheinung, und denselben an die Spitze der Erdenwesen stellt, sie alle zu beherrschen. Denn hier bemerkt man das Eigenthümliche, daß, je größer und umfassender die Wirksamkeit eines an sich leblosen Gegenstandes ist, sie desto schwächer und abhängiger erscheint. Die Sonne, welche allen Erdkörpern ihres Systems Wärme und Licht gibt, ist dennoch in ihrer Wirksamkeit durch das kleinste Wölkchen bedingt, das zwischen ihr und einem Erdkörper hinfährt, und die Luftbewegung und Wolkenbildung bestimmen den Grad ihrer Einwirkung auf ganze Jahre hin.— Dabei, theure Lina, ist nicht zu übersehen, daß es sich in der Natur durchaünur um die Existenzfrage handelt, und diese besteht wiederum nur in der Existenz jedes einzelnen Individuums.