Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1871)
- Date
- 1871-09-12
- Page
- Seite 750 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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750 Von den menschlichen SiUMkeitvgriuiden ist in der Natur nirgends die geringste Spur zu finden, und selbst was man die Liebe der Alten zu den Jungen nennt, ist nichts als die Existenzfrage; denn sobald die Existenz der Jungen durch ihre eigene Entwickelung gesichert ist, hört diese Liebe gänzlich auf und jede Verbindung der Alten und der Jungen schwindet vollständig, ja jede Erinnerung daran. Bei Thieren, wo das neue Geschlecht schon mit seinem Werden gesichert ist, findet eine Verbindung mit dem älteren Geschlechts, also jene älterliche Liebe und Fürsorge überhaupt nicht statt. Der Fisch, der gelaicht hat, verlaßt den Ort, wo er dies gethan. Jede Existenzfrage aber beschäftigt sich nur mit dem Individuum, das Alles sich aneiguet und vernichtet, was eS durch sein Vermögen erreichen kann.,, Gegen diese ausgedehnte Auseinandersetzung, welche Lippert durch immer neue Beispiele zu erhärten suchte, erstand in Lina mit der Zunahme ihrer Kenntnisse doch eine Einwendung, die sie nicht verhehlte. „Giebt es nicht," erwiderte sie, „allgemeine Gesetze in der Natur, welche diese durchaus beherrschen, und denen alle Individuen, so unendlich auch ihre Zahl, unterworfen sind? Man har erwiesen, daß das Licht des fernsten Fixsternes dieselben Wirkungen hervorbringt wie der Strahl unseres Hervfeuers. Du hast es selbst mich gelehrt. Das Gesetz der Anziehung und Abstoßung der Materie wohnt in völlig gleichen Bedingungen allen Elementen inne, aus denen die Wesen zusammengesetzt sind, und so weit' unsere Beobachtungen reichen, sehen wir dasselbe völlig gleichmäßig in dem fernsten Weltkörper vorhanden, und das läßt uns wiederum auf die Gleichartigkeit dieser Elemente schließen. Das giebt uns doch eine ganz bestimmte Vorstellung von der Allgemeinheit in der -Natur, wenn wir dieselben Elemente und dieselben Gesetze als überall in ihr vorhanden erkennen?" „Dein Einwand", erwiderte Lippert, „würde sehr zutreffend sein, wenn die Voraussetzungen richtig wären. Wer kann aber die Gleichartigkeit der Elemente behaupten? Der Chemiker zeigt Dir, aus welchen Elementen die Dinge auf dieser Erde zusammengesetzt sind, das eine aus diesen, das andere aus jenen, und es ist nicht bloß ein verschiedenes Maß der einzelnen Elemente, welches die Dinge von einander unterscheidet, sondern auch die Verschiedenheit derselben. Die gleichen Erscheinungen des Lichtes und der Schwere auf den verschiedenen Weltkörpern beweisen daher durchaus nicht, daß nicht auch ganz andere, unserem Weltkörper fremde Elemente dort vorhanden sind. Und dann, was heißt Gesetz? Wenn wir gleiche Wirkungen auf einzelne Gegenstände gewahren, so setzen wir gleiche Ursachen voraus und nennen dies ein Gesetz. Es sind dies aber nichts anderes als gewisse Eigenschaften an den Individuen, nichts für sich Bestehendes, nichts Wesenhaftes. Gesetz ist also nichts Linderes als gemeinsame Eigenschaften einzelner Individuen, die sonst ganz verschieden von einander sind." Ob dieses glänzende Sophisma Lina befriedigte, wissen wir nicht. «Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Ueber den Uebertritt vom Christenthume zum Judenthum enthält der „Jahresbericht" der Berliner „Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Inden" einen Klageruf, welcher in seiner naiven Aufrichtigkeit so ausdrucksvoll ist, daß wir ihm nickts hinznzufügen brauchen. Er lautet: „Im Rückblick am die von unserer Gesellschaft bisber geübte Tbätigleit muß die früher kaum erlebte Tbatiachc nno um l'o schmerzlicher berühren, daß hier' zu Berlin, in den beiden Jahren 18itN und IS70, im erstereu sieben und im tetztercu sechs Akeuschen, die sich Christen nannten, zmn Jndcnrbnm übcrgctreten sind: gewiß eine erschreckende, demntbigende Erfahrung urtd das gerade Gegeutbcil unserer Vestrebnugen, dem Herrn Jesu Seelen aus den Inden zu gewinnen — waö wir auch mit der Gemeinde allsountäglich tut .ttirchcngcbct erslebcn. Dabin also bat der eingerisscuc Unglaube und de? Absall von Cbristo schon gefübrt! . . . Wob', luten wir in dieser schwer bedrängten Zeit mir Freude und Dank begrüßt die ernste Mahnung. welche unsere geisttichen Oberen gegen den Uebertritt der Christen zum Iudentbume erlassen baden, und ihr Bekenntniß zu dem Herrn Jesu. Aber unsere Hitse steht im Namen der- Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Die armen verlorenen Söhne aus Israel dagegen, mögen sie nun noch unter der Decke MosiS und steinernen Herzens in dem alten Haß ihrer Väter, die in Jesnm gestochen haben. bis ans den heurigen Tag beharren — wie wir es durch unsere Missionäre vielfältig erjabreu müssen, — oder mögen sie mit vielen Tausenden von Namcnchristen. die. Gott sei'S geklagt — au allem geoffenbaetm Glauben Schiffbruck gelitten haben — mit Verachtung, Geringschätzung oder JndisterentiSmns aus den vor Jahrhunderten Gekreuzigten •— in dessen Namen dennoch allein Leben und Seligkeit ist — Hinsehen, mögen sie sich^verlchwörcn. daß sic und ihre'Enkel niemals au Jesnm, den Sohn Gottes, glauben würden, — wie sie es in veröffentlichten Erklärungen jüdischer Vorstände selbst ansznsprcchcn sich nickt gescheut baden, — alle ihre Schmähungen dürfen uns nicht erbittern, ihre Beschönigungen unseren Obren nicht schmeicheln, ihre Propbczcil'nngen unsere Zuversicht auf die Macht des Herrn, der Herzen und Nieren prüft, nickt erschüttern." Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redacteur vi>. H. Letzt.