Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1871)
- Date
- 1871-09-12
- Page
- Seite 748 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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748 friedigung des schnell anwachsenden Wissens- und Nildungstriebes die Dankbarkeit für den geliebten Mann und die Bewunderung desselben verband. Es entzündete sich in ihr ein wahrer Enthusiasmus, und sie war so überaus glücklich, daß sie es kaum begriff, wie sie früher zu leben geglaubt habe. Sie gab sich daher allen diesen Beschäftigungen mit einem Eifer hin, der nie erschlaffte, und der deshalb ihrem Bräutigam zu großer Befriedigung gereichte und ihn ebenso unermüdlich machte. Aber es war ja nicht seine Absicht, Lina nur mit Kenntnissen zu bereichern und in ihr ein geistiges Streben anzufachen, er wollte sie mit seinen Ansichten und Grundsätzen erfüllen. Diese waren eigenthumlich, und bei dem einseitigen, aber konsequenten Geiste Lipperts führte er sie durch alle Gebiete. des Denkens in derselben Weise durch. Belauschen wir ihn einmal, wenn auch nur bündig und übersichtlich, was er in der mannigfaltigsten Weise und bei den verschiedensten Veranlassungen äußerte. In der Kunst galt ihm die Schönheit erst in zweiter Linie; sie dürfe in allen ihren Schöpfungen nicht fehlen, sie habe die Form zu bestimmen und zu schassen; aber der Ausdruck, die Leidenschaft, oder doch der Charakter müßten den Productionen der Kunst das eigentliche Leben verleihen. Das Individuelle, behauptete er, sei das eigentliche Thema des Schaffens in Kunst, Geschichte und Literatur, in ihm verkörpere sich das Leben , und je mehr davon vorhanden, je markirter es hervortrete, desto größer sei die Bedeutung und der Werth des Werkes. Die Allgemeinheit galt ihm nichts, sie existire gar nicht und wäre nur ein Geschöpf und eine Selbsttäuschung des Menschen. Jede Allegorie in der Kunst verabscheute er, und jede Gruppirung war ihm unbehaglich, wenn nicht die Nebenfiguren so zur Charalterisirung der Hauptgrstalt dienten und so bescheiden zurücktraten, daß sie dem Beschauer so gut wie entgingen. Ein künstlerisch durchgeführtes Portrait stellte er weit über figurenreiche Gemälde, aus welchen er bisweilen nur eine Gestalt herausfchneiden mochte, um sie zu isoliren und einen fruchtbaren Gedanken nachdrücklich auSzusprecheu. Er stellte sich in die Mitte der früheren Idealisten und jetzigen Realisten, da die ersteren, der Kunst feinem Begriffe nach zuwider, die markigsten Gestalten zu sehr in Nebel stellten, während den letzteren die naturgetreue Wiedergabe irgend einer Nebensache wichtiger sei als die Wahrheit des Lebens, die sie verkörpern sollten. Darum war ihm auch das glänzende Colorit der vcnetianischen Schule, das in der jüngsten Zeit wieder so viele Anhänger und Nachahmer gesunden, zuwider; denn jede Kunst, auch die Musik, in welcher ein innerer Gedanke nicht charakteristisch und überwältigend hervortritt, war ihm nur eine Befriedigung des Sinnenreizes, die nur flüchtig fei und abspanne. Er stellte die Bildhauerei der Malerei weit voran, weil die erflere dadurch, daß sie ihr Werk durch sich selbst in die Freiheit des Lichtes und der Umgebung stellt, angewiesen ist, ein Individuum und nichts anderes zu schassen, das, wenn es nicht von einem lebendigen Gedanken beseelt wäre, lobt und wirkungslos bliebe. Er erklärte sich dadurch die Neigung der Alten, Bildwerke mit Farben zu übermalen, und glaubte hierin, wenn eS wahrheitsgetreu und künstlerisch durchgeführt werden könnte, die Bollendung der plastischen Kunst zu finden. Es war natürlich, daß Lina diese Kunsturtheile mit vollständiger Zustimmung in sich aufnahm. Er wußte sein Urtheil an jedem großen und kleinen Kunstwerke, das sie gemeinsam betrachteten, so scharfsinnig nachzuweisen und ihr so einleuchtend zu machen, daß sie ihm unbedingt als Führer folgte. Nun aber leitete er sie an der Hand derselben Grundsätze auf die Geschichte hinüber. ,,Völker, Zeitalter", rief er aus, „sind au sich nichts: die bedeutenden Individuen, die großen Charaktere, die in ihnen auftreten, sind und machen Alles. Wenn Cäsar das römische Cäsarenthum gründet, wenn dies auf das römisch-deutsche Kaiserthum übergeht und bis auf den heutigen Tag gestaltend auf die Staaten einwirkt: was gelten da die Römer, die entarteten Nationen des Alterthums, die Horden der Bölkerwanderung und so fort, die doch nur das Material für den großen Charakter und Geist bieten, dessen Herrschaft sie unterworfen sind! Wenn Karl der Große sich vom Papste die römische Kaiserkrone aufsetzen läßt, und dadurch das weltliche Schwert zum Diener des geistlichen Schwertes wird, wenn dadurch die Römerzüge für Deutschland zu einer' Lebensbedingung werden, die bis heute ihren bestimmenden Einfluß ausübt, und die Stellung und der Kampf zwischen Kirche und Staat noch heute nicht zur Ausgleichung gekommen sind — ist dies Alles ein Werk der Bölker oder eines gewaltigen Individuums, dessen Geisteserzeugniß naturgemäß sich entwickelt, ohne daß die Völker und die Zeiten sich ihm entziehen können? Wer war gewaltiger, Alexander der Große mit seinen Macedoniern und Griechen, dessen Reich nach seinem Tode zerbröckelte und nur dein hungrigen Römer die Leckerbissen ließ, oder Aristoteles in seiner Studierzelle, welcher das ganze Mittelalter geistig beherrschte und selbst das Christenthum seiner scholastischen Methode unterwarf und dein ganzen modernen wissenschaftlichen Leben die Bahnen vorzeichnete? Hat nicht Augustin der Kirche seine Anschauung eingeprägt, daß jedes Kirchlein und jede kleine Secte noch daran zu verarbeiten hat, und prägte nicht Luther der Reformation seinen Charakter auf, daß sie noch heute nicht darüber hinweg kann? „Die Geschlechter, die Zeitalter kommen und gehen," sagt schon Kohelet, aber die riesigen Individuen, die starken und ausgeprägten Charaktere, diese bleiben, beherrschen die Geschlechter und die Zeiten, und drücken den Jahrtausenden ihre Spuren auf. Ja, ich gebe zu, daß auch diese Jndividuuen aus ihrer Zeit entspringen und den Völkern derselben ihren Stoff entnehmen; aber sie machen erst Etwas daraus, und gestalten es so großartig und so eigenthumlich, daß es ihr Volk und ihre Zeit weit