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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-12 · Heft 37 (12.9.1871) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 37 (12.9.1871)
Date
1871-09-12
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Nr. 37. Leipzig, den 12. September 1871. Ans und nieder. Erzählung. (Fortsetzung.) Herr Samwel hatte sogleich erklärt, daß bei der Zugend Lina's die Verheirathung noch nicht sobald stattfinden dürfe, da er sich selbst auch vorbereiten müsse, sich von seiner Nichte zu trennen. Lippert hatte daher Zeit genug, die geistige Beschaffenheit seiner Braut seinen Ansichten gemäß zu bearbeiten. Am meisten, wir müssen es zu unserm Bedauern gestehen, ärgerte ihn die kindliche naive Religiosität Linas, und die Anhänglichkeit, welche sie für alle herkömmlichen Gebrauche und Satzungen hegte und sorgfältig bethätigte. Dies letztere genirte ihn oft gar sehr. Lina war, wie wir uns erinnern, auf ganz alrjüdischem Boden unmittelbar erwacksen, und merkwürdiger Weise hatte der alte Samwel, der zwei Zahrzehnde kaum etwas vom Judenthume gemerkt und desien in seinen indischen und amerikanischen Umgebungen ganz vergessen hatte, nachdem er den europäischen Boden wieder betreten, sich alsbald den religiösen Gewohnheiten und Stimmungen seiner Kindheit wieder zugewandt. Er hatte sich ein eigenthümliches Mischwerk zureckt gemacht, indem er einzelne, das persönliche Leben betreffende Borschriften ganz außer Acht setzte, und andere wieder mit fast peinlicher Bigotterie ausübte. Jedenfalls halte Lina nur Beranlasiung gehabt, unbeirrt in kindlicher Einfalt den Weg fortzuwandeln, auf welchem sie von ihrem ehrlicken Pflegevater, dem Gemeindeboten ihrer Baterfladt, geführt worden. Lippert merkte bald, daß er hier mit Sarkasmen, Spott und Unwillen nichts auszurichten vermöge, sondern nur das gottessürchtige Gemüth Lina's verletze und sie sich entfremde. Er war zu sehr Menschenkenner, um nicht zu wißen, daß aus diesem Wege in der Seele Lina's sich eine geheüne Kammer bilden werde, deren Pforte sie vor seinem Betreten immer ängstlicher verschlossen Hallen würde, und das ist niemals gut und widersprach dem ihm innewohnenden Ehrgeiz, seiner ihn ganz erfüllenden Herrschsucht. Er mußte daher, nach seiner Ansicht, den Geist Lina's erst zu bilden suchen, wozu allerdings noch viel Gelegenheit vorhanden war. Lina hatte bis jetzt von der großen Residenz und Hauptstadt eigentlich noch wenig erfahren. Zuerst steißige Besucherin ihrer Pensionatschule, hatte sie nachher eben nur einige jener oberflächlichen gesellschaftlichen Familienkreise kennen gelernt, in welchen nichts als die gewöhnlichen geselligen Vergnügungen mit den dazu gehörigen Elementen von Putzsucht, Klatscherei und einem gewissen glänzenden Firniß betrieben werden. Theater und Concerte wurden besucht, jene, weil sie Vergnügen machten, diese, weil sie zur Mode gehörten. Unter diesem Einflüsse war es Lina, obschon ihre Natur tiefer angelegt war, ergangen, wie es den meisten jungen Mädchen ergeht, sie hatte nicht einmal ihre Schulstudien fortgesetzt, und die schöne deutsche, französische nnd englische Bibliothek, die ihr der freigebige Onkel in kostbaren Einbänden in ihren Bücherschrank hatte setzen laffen, erfreute sich in denselben einer vollkommenen Ruhe und Ungestörtheit. Da erschloß Lippert dem jungen Mädchen ein neues Leben. Er machte sie mit den Kunstnnd Wissenschaft lichen Schätzen der Residenz bekannt und flößte ihr für. dieselben das lebhafteste Interesse ein, was ihm bei ihrer großen Empfänglichkeit durchaus nicht schwer ward. Er führte sie in die Museen nnd Sammlungen ein, machte sie mit allen hervorragenden Einzelheiten derselben bekannt und verstand es, überall durch seine umfassende Kenntniß und seine geistreichen Bemerkungen ihr das Verständniß zu eröffnen, ohne den Schulmeister zu spielen. Er regte ihren natürlichen, feinen Geschmack an, weckte ihre Beobachtungsgabe, und unterstützte und leitete ihr Urtheil in einfacher und doch wirksamster Weise. Nicht minder ging er dann mit ihr an die Schätze der Literaturen, machte sie mit den, der weiblichen Jugend gewöhnlich fern bleibenden Heroen der alten und neuen Welt bekannt nnd lenkte sie dabei auf diejenigen Meister, deren Schöpfungen im Ganzen und im Einzelnen schwieriger zu begreifen sind. Aber dies gab ihm gerade Gelegenheit, auf die höheren Fragen, welche den menschlichen Geist beschäftigen, hinzuleiten und einzngehen, und die großen Gebiete der Wissenschaft, die Natur und die Geschichte zu betreten. Lina folgte ihm überall hin mit der größten Bereitwilligkeit und fühlte bald Bedürfnisse, von denen sie bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte. Es war ihr Alles doppelter Genuß, weil sich mit der Be-

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