Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1871)
- Date
- 1871-09-12
- Page
- Seite 741 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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741 grosses geschmäht und ihre An- und Absichten verdächtigt werden. Andrerseits scheint es mir, nachdem ich mehrere Gegenden Ungarns kennen gelernt, am gcrathensten, Die Sache fallen zu lassen und die Tinge, nachdem sie einmal so weit gerathen sind, sich selbst zu überlassen. Es wird dies der einzige Weg sein, um die Geister sich abkühlcn zu lassen, so daß sic sich dereinst wicdcrfinden. Dies wird zuerst an einzelnen und dann an immer mehreren Orten geschehen. — Unterdeß dauert der Broschürcnwechsel von den verschiedensten Seiten fort. So erschien von der orthodoxen Seite vor Kurzem eine Broschüre „Wissen und Glauben , oder der Mensch und der Israelit" von Signuind Krauß, in welcher sich das eigenthümliche Gemisch wieder zeigt, was orthodoxen Erzeugnissen so oft einwohnt, daß neben einigen klaren Blicken eine sonderbare'Verworrenheit der Begriffe und Geschmacklosigkeit der Form sich vereinigen. Die Verschiedenheit zwischen „der orthodoxen und der neologcn Richtung" wird recht klar gezeichnet, dann aber folgen Schlüsse und Eonscquenzen, die aller Logik widersprechen. Die Betrachtungen über den Menschen, seine Größe Und seinen Fall und das materialistische System sind höchst naiv und primitiv. Eine andere Broschüre, und zwar in Buchsornt, entsprang ans der Eongreßpartei: „Leopold Löw als Theologe, Historiker und Publicist, gewürdigt von Abraham Hochmuth, Rabbiner in Wcßprim." Diese Schrift <248 und XIl S.) enthält nicht etwa eine Eharakterisirung der Leistungen Löws nach den drei angegebenen Seiten hin, wie der Titel erwarten ließe, sondern nur eine Kritik des Verhaltens und der Broschüren Löws dem Eongreß und den Eongreßstatutcn gegenüber, besonders um ihm die Widersprüche nachznweisen, in welche er hierbei verfallen. Außerhalb Ungarns kann es daher kaum Jemandem zngcmuthet werden, sich in dieses rvcitläufige Elaborat zu versenken. Auch Löw hat wieder eine Gegenbroschüre erscheinen lassen, die mir aber noch nicht zu Gesichte gekoumtcn. Es in ist diesem Streite noch kein Ende abzuschen; nur ist zu fürchten, daß ihm eine allgctneine Erschlaffung folgen werde, in welcher die Interessen des Judenthnms jeder nachdrücklichen Förderung entbehren lverden. Frankreich. Paris, 1. September. Nach dem Petit Journal ist iin israelitischen Eonsistoriunt zu Bayonne ein heftiger Streit über die Eiufiihrurtg der Orgel in den Gottesdienst ansgebrochcn. Die Mehrheit ist für dieselbe. — In den Arcli. isr. beklagt sich eilt Brief aus dem Elsaß, daß der Kreisdirector adressire: „an deu jüdischen Lehrer Herrn R. R." Würde derselbe Kreis director auch „an den katholischen Lehrer Herrn R. 9!" und „an den evangelischen Lehrer Herrn R. N." adressiren, und wir glauben dies, so sehen wir darin durchaus keine Unduldsamkeit, sondern nur jenen burcaukratischen Schematismus, der einmal in den modernen Verwaltungen eingewurzelt ist. In diesem Falle, müssen wir gestehen, liegt die Schwäche vielmehr auf Seiten der Juden, welche jede Bezeichnung ihrer Religion auch da scheuen, wo an eine Verletzung nicht gedacht wird. — Herr Erömienx hat eine Widerlegung des Pamphlets des Herrn v. Bozuet betreffs der ein-- geborenen Israeliten Algeriens veröffentlicht, in welcher er das ganze Jntriguenspiel ausdcckt, welches über diesen Gegenstand getrieben wird, Punct für Pu net die Anschuldigungen zurückweist, die Auhäuglichkeit der eingeborenen Inden an Frankreich erhärtet und mit der Frage schließt: ob mail Frankreich, nachdem ihm der militärische Lorbeer zerpflückt sei, auch den Ruhm nehmen wolle, das erste Laich für die Gleichstellung aller Eulte zu sein, worin doch die wahre Brüderlichkeit bestehe? Bonn, 18. August. (Privatm.) Wir haben wiederholt erklärt, daß wir uns ans politische Erörterungen mit unseren Pariser Eollcgcn durchaus nicht einlassen werden, und halten hieran fest. Jndeß müssen wir uns doch die Bemerkung gestatten, daß die BegrissSvertvirrung bei unseren glaubensgenössischen Eollegen in Frankreich etwas;u arg wird, um nicht ein für alte Mal ihnen die einfache Wahrheit klar machen zu sollen. Diese Herren thun, als ob die deutschen Juden gegen die französischen Juden zu Felde gezogen, als ob die deutschen Juden den französischen Juden Elsaß und Lothringen abgenommen, als ob die deutschen Juden nun hierüber Gewissensbisse empfinden und sich trotzdem um die Freundschaft der französischen Juden bewerben. Ist dies nicht geradezu lächerlich? Was zwischen Frankreich und Deutschland vorgegangen, geht uns Juden gar nichts an; wie jenes dieses angegriffen und dieses jenes gestraft hat, steht mit deut Judenthume in gar keiner Verbindung. Die deutschen Juden haben sich darüber in jüdischen Blättern als Juden gar nicht 37 *