Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1871)
- Date
- 1871-09-12
- Page
- Seite 742 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226836--29846-3252703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
742 zu äußern; zwischen deutschen und französischen Juden soll als Juden gar keine politische Abrechnung stattfinden, und gerade dies unseren französischen Glaubensgenossen klar zu machen, war unser Bestreben; wir überlassen aber von jetzt an auch dies den Herren in Paris ganz allein. Was wir hierüber gesagt und was wir thatcn, geschah allein in der Meinung, daß das Judenthum als solches mit den zeitweiligen politischen Verhältnissen der Völker zu einander gar nichts zu schaffen habe , und daß das religiös sittliche Verhalten der Juden unter einander davon gar nicht berührt werden dürfe. Die Arch. isr. beginnen in ihrem jüngsten Hefte einen dritten Artikel „Frankreich und Deutschland seit dem Fricdensvertrage" folgender Maßen: „Im Privatleben ist man, wenn man über einen Gegner triumphirt hat, erfreut, mit ihm in guten Beziehungen weiterzulebcn: einmal befriedigt, spielt man den Großmüthigen. Ebenso ist es unter den Völkern: die Deutschen würden, nachdem sie uns geplündert und zerstückelt haben, es ganz natürlich finden, uns zu Freunden zu haben: unsere Kälte würde sie in Erstaunen setzen; die Heftigkeit unseres Rachegefühls bringt sie auf." Nach dieser Expectoration wenden sich die Arcli. isr. an uns, meinen, daß wir über die polemischen Ausschreitungen „seufzen" — etwas, was wir unserer Natur nach niemals thun — und fragen, ob Ansprachen und Geldsammlungen genügen, „um das Gewissen der deutschen Israeliten über die Moralität des neuen Zustandes der Dinge zu beruhigen?" Wie gesagt, das ist pure Begriffsverwirrung. Was wir als Deutsche denken und empfinden, geht uns als Juden nichts an, und dies glaubten wir auch von unseren französischen Glaubensgenossen voraussetzen zu können. Sind aber die französischen Juden von der politischen Leidenschaft so erfüllt, daß sie sich in ihr Verhältniß als Juden nicht hineindenken können, so überlassen wir es ihnen schließlich, damit fertig zu werden, und „ihr Gewissen zu beruhigen." „Um Freundschaft uns zu bewerben," ist uns nicht eingefallen, und bedarf dessen die große Gcsammtheit der deutschen Judenheit nicht. Uebrigens mögen unsere französischen College« doch bedenken, daß sie cs waren, welche stets die hochklingendsten Phrasen über die Solidarität aller Juden losgelassen, und auf diesen Grund die Alliance Israel, univers. gegründet haben. Ihr gegenwärtiges Benehmen beweist, daß sie die erste wirkliche Probe nicht zu bestehen vermocht haben. Dies unser letztes Wort in dieser Angelegenheit. Und warum unser letztes Wort? Weil wir in demselben Hefte der Arcli. isr. S. 212 folgende Worte lesen: „Die deutschen Juden, orthodoxe oder reformistische, haben sämmtlich nichts mehr vom wahren Juden an sich. Sie hassen, sie urtheilen, sie verdammen. In ihnen ist nichts mehr vom israelitischen Herzen, von der Nächstenliebe, von der Sanftmuth der Sitten, von der Bescheidenheit des Charakters, von der inneren Würde, gegen welche während Jahrhunderten die Grobheit und Barbarei unserer Unterdrücker anprallte, ohne sie zu schädigen!" Und dies Alles nur, weil, wie der Verfassep des Artikels meint, die deutschen Juden Frankreich haßten und sich der Siege ihrer vaterländischen Heere freuten. Mit solchem Wahnwitz ist nicht zn streiten, und man überläßt solchem bittern Hasse füglich das Feld. Allerdings sind diese Worte aus der Feder des H. Alexandre Weilt geflossen, und nian weiß längst, wohin eigentlich dieser Herr gehört — er, der von Menschenliebe, Sanftmuth der Sitten, Bescheidenheit (!!!) des Charakters zu sprechen wagt, nachdem er eben „Rachebriefe eines Elsässers" geschrieben hat — allerdings spricht sich die Redaction der Arch. isr. von der Verantwortlichkeit für alle Ansichten ihrer Mitarbeiter in einer Anmerkung los — allein das letztere wird Niemand einer Redaction irr vollem Maße zugestehen, dennssie ist allerdings verantwortlich für die Verbreitung solcher Schandworte. Also fort mit dieser ganzen Sorte von Haß erfüllten Skriblern. Wir hoffen, daß das Leben mit der Zeit ausgleichen wird, was jene an Haß und Zwiespalt hervorzurufen suchen, und dafür sprechen schon jetzt bei uns angelangte Zuschriften aus Paris, die solchen Geist durchaus nicht athmen. Darum besser, wir schweigen fortan darüber. Aegypten. Alexandrien, im August. Am 14. Juni wurde hier der Grundstein zu einer Synagoge gelegt, welche der Banquier Ä. Levi Menasfe ans seine Kosten mit einem Aufwande von 15,000 Frcs. erbauen läßt. Am 21. Juni fand eine Gemeindeversammlung statt. Seit siebzehn Jahren war kein Rechenschaftsbericht abgelegt worden. Eigenthümlich war es, daß der Vorsitz dieser israelitischen Gemeindeversammlung einem Christen übertragen wurde, der ihn auch annahm, nämlich dem Baron von Schreiner, österreichischer Generalconsul. (Arch. isr.)