Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1871)
- Date
- 1871-09-12
- Page
- Seite 736 (sequence 6)
- Language
- German
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736 verloren, den Menschen niemals bis zur Schwelle der Gottheit erhoben. Wenn im Oriente die Inten die Grabmonumente ausgezeichneter und frommer MLnner der Vergangenheit verehren, Wallfahrten dahin machen, Spenden bringen, fasten und Gebete dabei sprechen; wenn im östlichen Europa die Chassidim ihren Rebbes Wunderkräfte zuschreiben und ihre Grabstätten verehren: so ist dies unjüdisch und aus anderen Religionen herüber gekommen, doch aber noch weit entfernt von dem Standpuncte, auf welchem das ganze Alterthum stand, von der Vergötterung der Menschen. Von diesem strengen Gegensätze des Indenthums auch in seiner ältesten Erscheinung zu der ganzen antiken Welt spricht Boisster kein Won, und doch ist dieses Gegenstück zur Geschichte der menschlichen Entwickelung -für die Frage: wie ist die Menschheit über diese Anschauung und ihre Verirrungen hinausgekommen? von der allergrößten Wichtigkeit. Zeichnen wir also jetzt in engem Nahmen das Gegenbild. Literarischer Wochenbericht. Bonn, t. September. „Textes classicpies de la litteraturc religieuse des Israelites, precedes d'im precis de grammaire hdbraTque et acconipngnes de resum<5s dliistoire rcligieuse, de notes et d’un voeabulaire liebreu parLeon Nord mann, aumOuier israeiite du lycee Louis le Grand, du lycee du Trince imperial et du College C'liaptal. Paris, A. Franck, 1870." Dieses für den Jugendnnterricht überaus nützliche Buch wurde im vorigen Jahre im Drucke zu einer Zeit vollendet, wo die Aufmerksamkeit am wenigsten auf literarische Erzeugnisse gerichtet war. Um so angenehmer ist es nnS, es jetzt zur Anzeige bringen zu können, da wir in der That in der französischen Literatur keine ähnliche Arbeit kennen. Es beginnt mit einem sehr angemessenen Abriß der hebräischen -Grammatik, der für den Schülervollkommen auf seinen verschiedenen Stufen ausreicht, und ihm dennoch zugleich die Anleitung zu ferneren Studien darbietet. Es folgen nun ausgewählte Textesstücke aus der gcsannnten heiligen Schrift, jedes Stück durch eine Erklärung eingeleitet und mit kurzen Anmerkungen versehen. Man kann über die Wahl dieser oder jener Piece streiten, wird aber im Ganzen zugestchen, daß sie sämmtlich dem Inhalte wie der Form nach dem vorgestecktcn doppelten Ziele genügen, den Schüler mit dem Hauptinhalt der heil. Schrift bekannt zu machen und ihm zugleich das Berständniß des hebräischen Deutes zu verschaffen und zu erweitern. Der zweite Abschnitt unter dein Titel „Tradition" beginnt nach einigen geschichtlichen Vorbemerkungen mit Auszügen aus dem Gebetbuch. Hierauf eine übersichtliche Darstellung der jüdisch-griechischen Periode i selbstverständlich ohne T-xtei, dann der Talmud mit einigen Auszügen. Der dritte Abschnitt giebt eine Uebersicht der jüdischen Riligiousphilnsophie, macht mit den Meistern derselben bis auf Mendelssohn bekannt, einige Aussprüche derselbeu im Original hinzufügend. In einem Anhänge wird ein Vocabularium zu den im Büche vorlommenden Texten gegeben. Wir können nur wünschen, daß die französische Jugend unserer Religion sich dieses Buches recht häufig bediene, das ihr immerhin eine nicht oberflächliche Keuntniß zu verschaffen und vielleicht in manchem Jüngling die Lust zu weiterenr Studium zu wecken vermag. — „Aus dem inneren Leben der deutschen Juden im Mittelalter. Rach gedruckten und ungedruckten Quellen. Zugleich ein Beitrag für deutsche Cnltnrgeschichte von l)r. A. Berliner. Berlin, Benzian. 1871." Enltnrgeschichtliche Arbeiten haben jetzt einen Werth und ein Interesse gewonnen, wie ihnci7. frühere Zeiten nicht beigclegt haben, und man ist nahe, daran die Bedeutung der politischen Geschichte ihnen weit nachzusetzen. Wenn wir mit Erstaunen gewahren, daß der geschichtliche Sinn selbst noch im vorigen Jahrhundert und sogar bei geistig hervorragenden Persönlichkeiten, wie z. L. Mendelssohn, der offen gestand, daß ihm ein geschichtliches Werk nur Gefallen abgewinne, wenn es in gutem Style geschrieben sei, so überaus gering war: so hätte er sich wohl weit früher ansgebildet, wenn eben die Geschichtschreibung sich nicht mit der Anfzählnug der politischen Daten begnügt, sondern sich irw. das W.jen und Leben der Epochen und Völker zu versenken verstanden hätte. Jeder cnltnrhistorifche Beitrag ist daher höchst willkommen, und es reizt den gegenwärtigen Lkser mehr, sobald wir uns auf das Gebiet des Iudeuthmns begeben, einen Einblick in das Gemeinde-, Familien- und gewerbliche Leben unserer Väter zu thnn, als dw traurige Aufzählung blutiger Verfolgungen und Vertreibungen durchzugehen. Wir hoffen daher auch, daß dein vorliegenden Schriftcheu die Aufmerksamkeit des Publikums um fo eher sich zuwenden werde als es mit großem Fleiße und vieler Gewissenhaftigkeit gearbeitet ist. Allerdings bringt eS im Ganzen keine