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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-12 · Heft 37 (12.9.1871) · p. Seite 735

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 37 (12.9.1871)
Date
1871-09-12
Page
Seite 735 (sequence 5)
Language
German
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735 als von Moses selbst herrührend bezeichnten Psalm liest, fühlt sich tief erregt von der Abhängigkeit, Vergänglichkeit und dem stürmischen Verlaufe des Lebens, die hier in scharfen Zügen vom Dasein des Menschen gezeichnet werden. „Du kehrest den Menschen zur Auslösung Und sprichst: kehret dahin zurück, ihr Menschenkinder!" (B. 3). „Du strömst sie hinweg; ein Schlummer sind sie; Am Morgen wächst er wie Gras, Am Morgen blühet und wächst er, Zum Abend mäht man ihn ab und er verdorret." (V. 5. 6). Wer diese Worte liest und die folgenden Verse des Psalms, kann schwerlich nur eine Ahnung davon haben, daß Menschen den Gedanken zu fasten vermögen, Menschen zur Gottheit zu erheben. Rust nicht in derselben Weise Hiob aus: „Der Mensch, vom Weib geboren, an Tagen kurz, an Unruh satt, Wie eine Blume sprießt er und wird abgemäht, Wie Schatten flieht er und bleibet nicht." (14, I. 2.) und „Hat der Mensch nicht Dienst auf Erden? Sind wie Löhnerstage seine Tage nicht? Gleich dem Knechte schmachtet er nach Schatten, Gleich dem Löhner harrt er seines Lohnes." (?, 1. 2.) Nicht minder wird dem Menschen die Erkenntniß des Uebersinnlichen, die Erforschung des Wesens der Dinge abgesprochen, und als Schlußsatz ausgestellt: „Zu dem Menschen sprach er: Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, das Böse meiden Einsicht!" (S. Cap. 28 des Buches Hiob. Vgl. das Ende des Buches Kohelet 12, 13). Ja, noch mehr, selbst die skeptische Ansicht, welche die fortschreitende Geschichte der Menschheit nicht anerkennt, sondern alle Geschehniste in einem sich immer wiederholenden Kreisläufe wie die Erscheinungen der Natur wiederkehren läßt, ohne Zweck und Ziel, so daß ein Vorzug des Menschen vor den Thieren in Frage gestellt wird, kommt im Buche Kohelet zum Ausdruck (1, 9—11. 2, 16. 3, 19), wenn es auch ein Jrrthum wäre, anzunehmen , daß dies in demselben Buche nicht widerlegt werde, während es doch mit dem Satze schließt, daß Gott alles Thun des Menschen vor sein Gericht bringt, was bei den Thieren nicht der Fall ist, und was die Vernunft und den freien Willen des Menschen vorauSsetzt. Wir brauchen nicht hinznzufügen, daß in der heil. Schrift überall die Ansicht vorherrscht, welche der König Salomo auf dem höchsten Gipfel seiner Macht und seines Glanzes, nämlich in seinem Gebete bei der Einweihung des Tempels auöspricht (1 König 8, 46): „Es giebt keinen Menschen, der nicht sündigt!"' Schließt sich doch an die Schöpfungsgeschichte deS Menschen sofort die Darstellung, wie derselbe zur Sünde kam. Wie also das Judenthum von seinem Beginne an theoretisch Gott und Mensch so trennte, daß ebenso wenig an eine Vermenschlichung Gottes wie an eine Vergötterung des Menschen gedacht werden konnte: so auch in seiner geschichtlichen Wirklichkeit. Es ist Jedermann bekannt, daß in der heil. Schrift von all den frommen Helden, die sie uns vorführt, Schwächen, Fehltritte und Sünden berichtet werden. Keine einzige der Gestalten tritt aus dem Nahmen geschichtlicher Biographie heraus, und wird uns etwa in übermenschlicher Erscheinung gezeichnet. Selbst von Moses werden uns die leidenschaftlichen Ausbrüche seines Zornes gemeldet, und diese dadurch als unsittlich gekennzeichnet, daß er deshalb gestraft und ihm der Eintritt in das gelobte Land versagt wurde. Auch später wurde dies festgehalten, und die Hagada findet ein schweres Vergehen Mosis darin, daß er harte Worte gegen das Volk Israel ausgesprochen, was er gegen eine solche Gesammtheit nicht hätte thun dürfen. Dem Gegenstände, welchen Herr Boissier in seinem Aufsatze behandelt, gegenüber weisen wir darauf hin, daß die beiden höchst gestellten Könige, David und Salomo, durchaus nicht verschont, sondern in ihren Fehlern und Sünden blosgestellt wurden. Selbst als man das jüdische Königthum am höchsten verherrlicht-, hatte man für den frommen Helden und Sänger David nur die Ehre, daß aus seinem Hause dereinst der Wiederhersteller Israels, der Begründer des allgemeinen Friedens, der Messias abstammen sollte. Auch in der späteren Volkösage wurden die Schwächen und Sünden des als der weiseste der Menschen gepriesenen Salomo nicht übersehen, und er für seine Prachtliebe und Ueppigkeit damit bestraft, daß er aus seinem Palaste verstoßen, seiner königlichen Würde entkleidet und als Bettler umherzuirren genöthigt wurde, während der böse Geist ASmodi feine Gestalt angenommen hatte, seine Stelle vertrat, Götzendienst einführte u. s. w., bis Salomo gebüßt hatte. So hat das Judenthum die Erkenntniß des einzigen, unendlichen und vollkommenen Gottes.niemals

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