Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-12 · Heft 37 (12.9.1871) · p. Seite 734

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 37 (12.9.1871)
Date
1871-09-12
Page
Seite 734 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226836--29838-3252695
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

734 Gestchtspuncten zu fassen. Gegen Ende seines Aufsatzes sagt der Verfasser: „Als. die Vergötterung noch ihren religiösen Charakter bewahrt hatte, protestirten die Juden und die Christen muthig gegen sie." Dies ist Alles, was er von den Juden sagt. Wir wollen nicht blos diese Lücke ausfüllen, sondern den ganzen Gegensatz hervorheben, aber auch die Stellung des Christenthums zu dieser ganzen Erscheinung beleuchten. Der Verfasser beginnt seinen ersten Abschnitt mit den Worten: „Die Vergötterung der Herrscher ist vielleicht in unseren Tagen das, was uns am meisten in den alten Culten in Erstaunen setzt. Der Grund ist leicht zu fasten. Alle Religionen, welche in der gegenwärtigen Welt vorhanden sind, bekennen die Einheit Gottes. Wenn man nur einen Gott anerkennt, wird er schon durch seine Alleinheit so groß und seine Größe stellt ihn so hoch, daß es nicht mehr möglich ist, einen Menschen bis zu ihm zu erheben; aber die Alten, welche Polyiheisten waren, hegten nicht dieselben Scrupel: es kam nicht darauf an, einen Gott mehr anzubeten, wenn man schon einige tausende hatte. Die Bedeutung dieser Götter war überdies so verschieden, wie ihre Functionen mannigfaltig waren, und unter ihnen gab es viele, welche, niedriger-, bescheidener, sich stufenweise dem Wesen der Menschen näherten. Es bestand daher nicht wie heute eine unübersteigbare Schranke zwischen Gott und den Menschen; im Gegentheil, die Religion schien zwischen ihnen eine Reihe von Uebergängen bestehen zu lasten, welche unmerklich von Einem zum Andern führten. Diese Zwischenglieder machtet. die ganze Welt mit dem Gedanken vertraut, daß es nicht unmöglich sei, vom Menschenthum zur Gottheit überzugehen." — Wir acceptiren diese Darstellung nach mehreren Seiten hin. Sie charakteristrt mit wenigen Worten die wirklichen religiösen Anschauungen der Griechen und Römer; sie stellt den Gegensatz zur gegenwärtigen Vorstellung von Gott scharf hin; sie deutet aber auch ohne es zu wollen auf den Weg hin, auf welchem das Christenthum zu seinem Grunddogma gekommen ist. Wenn nun einerseits die Behauptung, daß sämmtliche Religionen unserer Zeit die Einheit Gottes so bekennen, daß das Gottwerden eines Menschen, „die Erhebung eines Menschen zu Gott" unmöglich sei, auf die Glaubenslehre der christlichen Kirche nicht ganz paßt, da umgekehrt die gekennzeichnete Anschauung das Menschwerden Gottes ebenso verbietet: so übersteht der Verfasser, daß dieselbe Vorstellung von Gott, die er hier der modernen Welt zuschreibt, die des Judenthums von dessen Beginn an war, die heidnischen Neigungen des israelitischen Volkes im harten Kampfe überwand, vom babylonischen Exil an niemals verletzt und geschädigt, den gesammten jüdischen Stamm vollständig beherrschte, von ihm aus durch Christenthum und Islam in die Menschenwelt eindrang, durch die Juden stets bekannt und bezeugt wurde, und daß sich jetzt erst die Volker immer mehr dazu entwickeln. Werfen wir daher, um uns dieses große welthistorische Moment ganz zum Bewußtsein zu bringen, ehe wir weiter gehen, einen prüfenden Blick darauf. Die Vorstellung, welche die heilige Schrift von ihrem Anfänge an von Gott aufstellt, von ihm als dem allmächtigen Schöpfer der Welt, durch dessen Willen alle Wesen, auch der Mensch geworden, von seiner Einheit, Unendlichkeit, Unkörperlichkeit und Vollkommenheit, diese Vorstellung trennt von vornherein Gott und Mensch in einer Weise, daß nicht blos eine Grenzlinie, sondern eine weite, unüberwindbare Kluft zwischen beiden zur untrennbaren Natur dieser Vorstellung gehört. Bei diesem Verhältniß erhebt die h. Schrift den Menschen so hoch, wie es seiner Natur nach möglich war. Schon bei seiner Schöpfung wird drei Mal wiederholt, daß der Mensch „im Ebenbilde Gottes nach dessen Aehnlichkeit" geschaffen sei, gelehrt, daß er mit einem höheren Geiste von Gott beseelt worden; überall wird vorausgesetzt, daß eine unmittelbare Eingebung Gottes auf den menschlichen Geist geschichtlich stattgefunden, daß ein göttliches Gericht über des Menschen Thun und Lassen walte, daß der Mensch Gott nachzueifern habe, so daß als das höchste Sittengesetz aufgestellt wird: „Ihr sollt Euch heiligen, denn der Ewige, Euer Gott ist heilig." Diese hohe, religiös sittliche Stellung des Menschen wird zugleich, den übrigen Erdgeschöpfen gegenüber, als eine Herrschaft des Menschen über alle diese, als eine „Unterwerfung der Erde unter ihn" bezeichnet, die er allerdings nur durch die geistige und technische Ueberlegenheit, welche ihm Gott verliehen, erwerben und ausüben konnte (t Mos. 1, 26. 28. Psalm 8, 6—9). Diese Vorstellung vom Menschen verhinderte aber nicht, ihn stets in seiner Begrenztheit, in seiner Vergänglichkeit und Schwäche, in dem Mühsal seines Lebens, in seiner Sündhaftigkeit anzuerkennen: „Was ist der Mensch, daß Du sein denkest, Der Menschensohn, daß Du sein achtest?" ruft der Psalmist an derselben Stelle, wo er den Adel des Menschen hervorhebt, aus (8, 5). Wer den 90.,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.