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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-12 · Heft 37 (12.9.1871) · p. Seite 732

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 37 (12.9.1871)
Date
1871-09-12
Page
Seite 732 (sequence 2)
Language
German
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732 erstandenen deutschen Reiche geeinigt. Frankreich genießt nach den furchtbaren Zuckungen, die dem Kriege folgten, gegenwärtig einer verhältnismäßigen Ruhe. Tic Wunden, welche den beiden Völker geschlagen worden, beginnen zu heilen, und die Thränen fangen an zu trocknen selbst in den Augen derer, welche einen Verlust unter ihren Lieben zu betrauern hatten. Feiern wir daher das Fest in diesem beruhigenden Bewußtsein! Aber noch Eines bleibt übrig: nämlich, daß nicht bloß die Massen niedergelegt sind, nicht bleö der Friede geschloffen, sondern daß auch der Geist der Versöhnung durch die Länder gehe und die Leidenschaften beschwichtige und den glühenden Haß abkühle. Ob auch die Deutschen die Angegriffenen waren und zahlreiche Glieder ihrer Nation mit grausamer Härte aus Frankreich vertrieben sahen, wir können es mit voller Ueberzeugung sagen, die deutschen hegen keine bitteren Empfindungen gegen die Franzosen mib würden freudig die Hand zmn aufrichtigen Frieden, zu wahrer Versöhnung bieten; vom Uebermuth des Siegers, von Verachtung des Gegners empfinden sie im Allgetneinen nichts. Man sagt, das fei den Siegern leicht, aber ungleick schwerer sei es, daß die Besiegten, denen man Vieles eutristen und Schweres auferlegt hat, sich zu solcher Versöhnung bestimmen und die natürliche Gluth des Hasses auslöscheu sollen. Freilich könnte dies durch die Erwägung, daß mau den Krieg ohne wirkliche Ursache begonnen habe und was man wohl im Falle des Sieges den Deutschen augethan hätte, gemildert werden; aber wie schwer wird Solches einerganzen Nation und namentlich einer so leicht erregbaren. Doch eö ist nicht unsere Sache, dies weiter zu verfolgen. Mir müssen es der Zeit und den Ereignissen überlasten. Anders aber ist es mn unsere Glaubensgenossen. Immer wiederholt dringen von der Seine aus dem Munde unserer Glaubensgenossen selbst feindselige Stimmen gegen die deutschen Juden zu uns herüber, und sprechen sich mit einer Feindseligkeit und Gehässigkeit gegen uns ans, die wir allerdings als Inden durchaus nicht begreifen und die wir tief beklagen. Waö gehen nnS als Juden und gerade als solche die Kämpfe der Völker au? AlS Söhne des Vaterlandes haben wir dessen Leiden und Freuden zu theilen, die Gefahren zu bestehen, die Opfer mit ganzen! Herzen zu bringen. Aber als Bekenner des Judenthums, als Abkömmlinge deö uralten jüdischen Stammes stehen wir über allen Parteien, und dürfen Juden darum Juden weder hasten noch verfolgen, weil die Einen zugleich Franzosen, die Anderen Deutsche sind. Hier kommen ja nickt einmal die patriotischen Pflichten in Eollision. Denn sobald der Friede geschlossen ist, hat jedes Individuum nur die Pflicht, den Frieden aufrichtig zu verwirklichen und seines Theiles die Ausgleichung zwischen den Nationen zu befördern. Haß zu säen, zu pflegen und zu ernten widerspricht jeder Pflicht, am meisten aber, wo die Religion, und nur die Religion mitspricht. Mir hegen die Ueberzeugung, und haben — wie ein Inserat des Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur in dieser Nummer erweist — die Belege in Händen, daß die Maffe unserer Glaubensgenossen selbst und besonders ihre geistlichen Führer von dieser Hetzerei gegen die deutschen Glaubeuöbrüdcr weil entfernt sind und sie nur mißbilligen. Um so mehr erstaunen wir, daß die jüdischen Journalisten in Paris nicht Massen wollen, eine solche Zwietracht zu nähren und immerfort Oel ins Feuer zu gießen. Wohlan, das Fest naht, daS nnS zur Einkehr in uns selbst ansrnft, und das zur würdigen und erhebenden Einleitung für jenen Tag der Versöhnung dienen soll, den wir als das höchste Fest unserer Religion feiern. Au diesen Festen beten wir seit uralter Zeit: idw 2272 r,rs 272 12:7-^ „daß sie schließen Allesammt einen Bund, Deinen Millen zu lhuu mit ganzem Herzen!" DaS beten wir immer wiederholt an jenen Festen für alle Wesen, alle Bienscheu — und nun sollten wir Israeliten diese Worte aus die Lippen nehmen, während wir Zwiespalt und Haß im Herzen tragen und nicht einmal als Israeliten den uralten und natürlichen Bund zu wahren entschlossen sind, den die gemeinsame Gottesverehrung und die gemeiusanie Abstammung um uns schlingen, und dies aus den vorübergehenden Sueilmomenlen zwischen den Völkern, denen wir als Bürger angehören'? Hinweg damit! es wäre eine Entweihung dieser jüdischen Feste! Jahr für Jahr stießet.ihr von der Bewunderung dieser Institution über, der eine ähnliche in keiner anderen Religion gleichzustellen sei — und sie sollte so wenig in Euch wirken, daß Ihr eine Versöhnung mit Eitren Brüdern, die Euch als solcke gar nichts gelhan haben, eine aufrichtige und wahrhafte Versöhnung nickt zu hegen verrnöchtet? Wie? wenn wir einen Blick über die gegenwärtigen Zustände werfen, haben wir nicht Ursachen der Besorgniß genug? In Persien leiden unsere Glaubensgenossen unter einer furchtbaren Hnngerönoih des Landes in er-

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