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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-05 · Heft 36 (5.9.1871) · p. Seite 721

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 36 (5.9.1871)
Date
1871-09-05
Page
Seite 721 (sequence 11)
Language
German
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721 bekanntlich nicht wohlwollte, als es sich um Sein oder Nichtsein für die jüdische Bevölkerung Polens handelte. Wenige Tage zuvor, als der Termin zur Verhandlung der Sache der Juden im Neichsrathe angesetzt war, erhielt eine aus drei warschauer BauquierS bestehende Deputation beim Grasen Bludow, Präsidenten des Reichsrathes, eine Audienz.- Der Graf hatte der Deputation unter der Bedingung, nur einige Worte vorzubringen, die Audienz gestattet. Diese erschien, legte auf ein Tischchen ein Päckchen nieder und ging. Tags darauf fand die Sitzung im Staatsrathe Statt. Dem Grafen Bludow zur Rechten saß der Thronfolger, der jetzige Kaiser. Nachdem die Neichsrathe durch zwei Stunden heftig für und wider gesprochen, Graf Vlndow aber noch kein Wort gesprochen, sagte der Thronfolger zu ihm: „Nun Iwan Jwanowitsch, warum sprichst Du nicht?" Da steht Bludow auf, zieht aus seiner Tasche ein versiegeltes Packet, auf dem eilte Zahl 15,000 (Rubel) den Inhalt andculet und die Worte stehen: „Nimm und schweig!" „Dies", sagt der Graf, „erhielt ich, damit ich schweige", und nun beginnt er für die Inder: in hinreißender Weise zu plaidireu und erringt diesen Concessionen, die sie nie zu erhoffen gewagt hatten. Das Packet mit 15,000 Rubeln ging uneröffnet zurück und bildete später das Stauuncapital zur Gründung eines jüdischen Waisenhauses zu Warschau. Nordamerika. New-Zork, 1. Aug. (Privatm.) Sie trauen mir nicht zu, daß ich, kein Theologe, mich leichtsinnig in die Streitigkeiten der Theologen Hineinstürzen werde. Auch gestehe ich, von dergleichen zu meinem großen Mißvergnügen in Europa zu viel erfahren zu haben, als daß ich mich in der vielbewegten neuen Welt jetzt noch damit beschäftigen sollte. Allein die jüngsten Vorgänge irinerhalb der. jüdischen Kreise oder vielmehr desjenigen Kreises, der das Judenthum in unserem gesegneten Freistaate vertreten soll, waren doch zu wirriger Art, als daß irgend wer sie mit Stillschweigen übergehen könnte. Die Sache hat den peinlichsten Eindruck bei Juden und Christen gemacht. Denn es galt hier nicht irgend eine Satzung, einen alten Brauch, eine traditionelle Bestimmung, über deren Verpflichtung man streiten kann, an deren Erhaltung oder Beseitigung die Herren Theologen zu Rittern werden können: es handelte sich vielmehr um daS Fundament des Judenthums, um Etwas, waS als die Standarte unseres Glaubens niemals zweifelhaft gewesen, um dessentwillen die Seclirerei in- Israel niemals aufgekommeu, wobei man sich einfach sagte, dies ist Judenthum und jenes ist nicht Judenthum. Auf einmal erschien dies von Männern, tvelche als Lehrer'der Religion fungiren, als zweifelhaft, zweideutig, das Gegeutheil von dem bedeutend, was alle. Jahrhunderte des Judenthums bekannt haben. Wie gesagt, in den christlichen Kreisen war man entrüstet, in den jüdischen entsetzt — denn wie sich das Ganze abspielte, ließ es einen Blick in eine Zerfahrenheit, ja in eine Unsittlichkcit werfen, die den gewissenhaften Juden außer sich bringen mußte. Bor dem Einen uruß ich. die hiesigen in Schutz nehmen: wenn sich so viele und mit großer Energie gegen das Gebühren uud die Aussprüche in der Eincinuatier Versammlung erhoben und eine entschiedene Abweisung der betreffenden Man-- ner unternahmen, so spreche Niemand von Verfolgnngs- und Berketzerungssucht. Solche Luft athmet Ulan nicht in Amerika. Aber wenn Jemand ein jüdisches Lehra:nt bekleidet und die dem Judenthurne entgegengesetztesten Lehren ausspricht, so ist man verpflichtet zu fragen: warum bleibst du bei diesem Lehramte? Die Freiheit, deine Ueberzcugung ausznsprechen, soll dir niemals beschränkt oder verkümmert werden. Aber stimmt die Ueberzcugung nicht mehr mit deinem Amte, so ist es deine Pflicht, das Amt aufzugeben. Dies würde selbst auf wissenschaftlichem Gebiete das Richtige sein. — Ucbrigens haben Sie sich geirrt, wenn Sie glaubten, daß nach der Erklärung des Dr. I. Mayer der Streit sein Ende erreicht haben werde. Vielmehr wird er von denen, die in denselben eingetreten, über den Kopf deS Herrn Mayer hinweg lustig tveiter geführt. Ja, wir lasen in diesen Tagen von einem derselben: es handle sich darum „einen neuen Gottesbcgrifs für das Judellthum zu finden" — und ein Anderer schreibt: er werde sich glücklich preisen, wenn er das noch erlebe! Was sagen Sic zu diesem Humbug! Doch das Judenthum darf sich nicht beklagen, da der liebe Gott selbst cs sich von diesen Herren gefallen lassen muß. — Wir hoffen jedoch, daß sich diese Fluthwellen bald wieder, wie sie von selbst gekommen, auch bald wieder von selbst verlieren werden. Das Interesse an solchen Dingen zerstreut sich hier 36*

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