Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1871)
- Date
- 1871-09-05
- Page
- Seite 715 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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715 derer, die dem Judenthume als Vorbereitung zum Christenthume doch einigen Werth, einige Bedeutung zusprechen wollen und müssen. Kühl und karg genug fällt dieser Antheil am großen menschheitlichen Leben für das Judenthum aus, und für den Fortbestand desselben auch nach dem Entstehen des Christenthnms haben diese Herren gar kein Verständnis;; er ist ihnen nur der Erfolg einer „Volkseigenthümlichkeit" und der Ausschließung und Verfolgung. Sie beeilen sich daher, ten sie belebenden Wunsch nach der Auflösung des Judenthums als eine begründete Hoffnung auszusprechen. Bei der ganz äußerlichen und oberflächlichen Betrachtungsweise, die sie für das Judenthum erübrigen, genügen ihnen auch äußerliche Mittel und Motive, um dieser Auslösung in Kurzem entgegenzusehen. Da kommen ihnen denn die Streitigkeiten, welche unter den Juden gegenwärtig stattsinden und nothwendig deren Entwickelung begleiten, sehr zu Statten. Sie wissen nicht, daß diese Zänkereien und Reibungen nur unter einer beschränkten Zahl von Wortführern und deren Anhängern stattflnden, daß die große Masse von einem „feindseligen Geiste" unter einander nichts hegt, obschon jede gemeinsame Beranlassung, sei es zur Abwehr von Angriffen, sei es für eine wohlthätige und gemeinnützige Sache, ihnen erweisen könnte, daß der Geist der Einheit noch lange nicht aus dem jüdischen Stamme gewichen und jeden Zwiespalt immer wieder zu 'überwinden vermag. Von welchen staatsökonomischen Ansichten der Herr Professor geleitet wird, zeigt uns sein Ausdruck, daß die Juden aus einem ackerbauenden zu einem „schachernden" Volke umgewandelt worden. Wir brauchen uns nicht erst auf die großen Autoritäten (christlichen Glaubens) zu berufen, welche die großartigen Handelsbewegungen anerkennen, deren Träger im Mittelalter, zu Zeiten allein, zu anderen zuni großen Theile, die Juden waren. Trotz aller Muhe, welche sich viele deutsche Professoren geben, den Handel als einen der wichtigsten Culturzweige, welcher der geistigen Thätigkeit nicht weniger als selbst die Wissenschaft bedarf, anzuerkennen, verfallen sie immer wieder in den alten Jrrthum, den ganzen Handel als einen „Schacher" anzusehen. Mit welcher Unverschämtheit und. Anmaßung Herr Professor Röder über die sittlichen Eigenschaften der Juden aburtheilt und sie allesamt für niederträchtig, zudringlich, feige, kriechend u. s. w. erklärt, giebt sich selbst zu erkennen. Freilich wirst er die Schuld auf die Christen, welche die Juden hierzu gemacht haben sollen. Aber mit diesem Äquivalent glaubt er sich berechtigt, die gesammte Judenheit so. zu brandmarken, und dies ist ja der eigentliche Zweck. Widersprüche bleiben denn auch dem Herrn Professor, wie jedem oberflächlichen und vorurtheilövollen Beobachter, nicht erspart. Er spricht, wie das so oft geschieht, den Juden Geistesschärfe zu und Gemüthlichkeit ab, und erinnert sich nicht, daß er einige Zeilen vorher ihnen daS Lob eines „musterhaften Familienlebens" ertheilt hat. Wird ein musterhaftes Familienleben durch Geistesschärfe oder durch Gemüthlichkeit hervorgebracht und festgehalten? Daß dem Herrn Professor die paar außerordentlichen Professuren, welche Juden in Deutschland bekleiden, zuwider sind, ist erklärlich; daß er aber von diesen einen schlimmen Einfluß ausgeübt sicht, während er vorher die Erfolge der Juden in der Wissenschaft rühmt, ist wieder ein Sprung, der einen Widerspruch mit sich selbst aus willkürlichen Beweggründen ganz gleich sieht. Zuletzt gewahrt er auch eine üble Einwirkung der Juden in der Kunst. In welcher Kunst? In der Skulptur haben die Juden wenig geleistet, in der Malerei nicht Solches, was einen bestimlnenden Einfluß gehabt hätte. Also in der Musik. Ei, Herr Richard Wagner, waS haben Sie doch deutschen Judenfressern für einen Gefallen gethan! Sie haben ihnen ein neues Schiboleth dargeboten. Daß der wahrhafte Verfall der deutschen Musik lediglich von Herrn Richard Wagner und seiner Schule ausgeht, also nicht von einem Juden, sondern von einem Judenhasser, das wird übersehen, und dafür die Schuld auf jüdische Meister gewälzt, welche freilich bis zu Richard Wagner von den Deutschen und anderen Nationen anerkannt und gepriesen wurden. Nun, wir hatten in diesen Tagen ein viertägiges Musikfest in Bonn zu Beethoven's Säcularfeier. Publicum, Künstler und sogar die Kunstkritiker waren darüber einig, daß eine so vollendete Aufführung der größten Werke des größten deutschen Meisters bis jetzt nirgends stattgefunden. Der Enthusiaslnus war unbegrenzt und zeigte sich factifch darin, daß die große Musikhalle alle vier Tage überfüllt war. Mir sagen vier Tage, denn die Haupt- und Generalproben waren ebenso im Uebermaß besucht, wie die eigentlichen Aufführungen an den Abenden. Nun, wer waren die Hauptträger dieser vollendeten Kunstaufführungen? Wir sind weder anmaßend noch unverschämt, wenn wir sagen — Juden. Hiller, Joachim, Strauß aus London u. A. Also muß der Einfluß der Juden auf die Musik doch nicht so gar übel sein. Wir schließen, wie wn alle derartige Besprechungen