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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-09-05 · Heft 36 (5.9.1871) · p. Seite 713

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 36 (5.9.1871)
Date
1871-09-05
Page
Seite 713 (sequence 3)
Language
German
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713 rade die Partei deS Fortschrittes ist eS, welche in der großen Mehrheit der preußischen Gemeinden vor der Obherrschaft der orthodoxen Richtung die Segel hat streichen müssen. Der Gottesdienst, denn um diesen handelte es sich ja dabei wesentlich, ist mit einer verschwinvenden Ausnahme überall der alte geblieben, und wo einige Veränderungen vorgenonimen worden sind, wie Chorgesang und Predigt, ist man nicht weiter gegangen, als es in außerpreußischen orthodoxen Gemeinden geschehen ist. Abgesehen also von den wenigen Ausnahmen haben reformistisch gesinnte Juden ihre Beiträge für einen Standpunct und Zustand entrichtet, der ihren Wünschen und Vedürfniffen ganz entgegen ist. Die meisten derselben haben dies aber gern gcthan, weil ihnen der Bestand der Gemeinde und ihrer Institute wichtiger ist. Gerade von der reformistischen Partei sollte daher die Beseitigung des Gesetzes am ehesten gewünscht werden, und diese würde sich derselben viel erfolgreicher erweisen, als der verblendeten orthodoxen Partei, welche, zwei oder drei Orte im Auge habend, die zahllosen anderen Gemeinden und deren Schicksal übersehen. Wenn man überhaupt diesen häßlichen und den Abfasser charaktcrisirenden Ausdruck „den Fuß auf den Nacken der anderen Partei" zu gebrauchen berechtigt wäre, so könnte es nur die reformistische Partei sein, welche sich in dieser Weise beklagen dürfte. Nach der bestehenden Gemeindcverfaffung werden die Repräsentanten von der Mehrheit der Gemeinde gewählt, und von diesen der Vorstand. Es steht also jeder Gemeinde frei, ihre Vertreter nach eigenem Willen zu wählen. Eine andere Ordnung ist für einen Verein, so lange dieser sich selbst bestimmen soll, gar nicht möglich, öderer muß der Minderheit überlasten, den Verein zu verwalten. Wie kann man da sagen, daß eine Partei durch alle preußischen Gemeinden hindurch die andere unterdrücke- Frage man doch den Dr. Auerbach in Halberstadt, ob in seiner Gemeinde die orthodoxe oder die reformistische Richtung die andere nicderhalte. Der Dr. Auerbach mit seinem Anhänge pstanzt die Standarte der „Gewistenöfreiheit" auf, und wirft nnS „GewistenSknechtung" vor! Wie sonderbar: die Knechte des unfehlbaren Buchstaben, die Verketzerer aller derjenigen, welche die geringste Vorschrift deS Schulchan Aruch auch nur im Geringsten verletzen, die den Bann bereit haben für Jeden, der nicht unbedingt auch nur einem überlieferten Minhag sich unterwirft, für Jeden, der auch nur die geringste freie Bewegung und eigene WillenSmeinung im Judenthume für gestattet erachtet — diese wollen die Dertheidiger der Gewistensfreiheit sein. Es ist dies nichts als daß bekannte Spiel, das sie aus anderen kirchlichen Kreisen erlernt und entnommen haben. Gut, mögen sie den Communalisten die Hand reichen, welche jede Ein - und Unterordnung unter ein gesellschaftliches Band verwerfen, mögen sie sich als sg. freireligiöse Gemeinde cousiitniren, die dem Individualismus jedes Recht gegen eine Gemeinsamkeit zusprechen, sie, die dem Individuum jede Freiheit absprechen. Wir hallen jede Widerlegung, diesen Herren gegenüber, für überflüssig und unwürdig. Wir haben dieses Circular gern verössentlicht, denn cö kann 'nur dazu beitragen, die Einsicht in die Lage der Dinge zu vermehren, und hat bereits dazu beigetragen, die Zahl der uns übersandten Vollmachten zu vergrößern. Professor Köder in Heidelberg und die Juden. Zwei Bemerkungen haben sich uns stetS auS unserer Erfahrung ergeben. Zuerst die alte Wahrnehmung, daß man am meisten von seinen Feinden und Gegnern lernt, indem man, sieht man von dein Gehässigen und Ungegründeten ihrer Angriffe ab, auS ihren Auslastungen leicht ihre Schwächen und die Mangelhaftigkeit ihrer Beweisführungen zu erkennen vermag. Alsdann aber, daß die scheinbare Unparteilichkeit mehr zu fürchten ist. als die leidenschaftlichen Jnvectiven entschieden auftrctendcr Gegner. Die letzteren tragen ihre Nieverlagen stets in sich selbst; ihre Uebertreibungen schwächen ihre Anklagen ab, und eine Widerlegung ist für sic erfolglos, da sie nicht auf Gründe, sondern nur ans ihren leidenschaftlichen Haß achten. Ein solches scheinbar unparteiisches Urtheil über die Juden liegt uns vor, und wir halten es für angemesten, es hier mitzutheilen. Man sucht sich den Anstrich der Objectivität zu geben, löbliche Eigenschaften an dein Gegenstände seiner Beurtheilüng auszusprechen und zu betonen, um dann ungescheuter abzusprechen und zu verurtheilen. Wir sagten, solche Expectorationen sind am meisten zu fürchten, denn sie schaden am meisten, indem sie der vorherrschenden Neigung zur Berurtheilung entgegenkommen und ihr dienen, da ihr Votum sich in das Gewand der leidenschaftslosen Gerechtigkeit kleidet. 36*

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