Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1871)
- Date
- 1871-08-29
- Page
- Seite 709 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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709 geistreichen Bemerkungen, die er ungezwungen überall hinein flocht, erregten nicht blos ihren lebhaften Geist, sondern eröffneten ihr so viele Einblicke in das vielgestaltige Leben, in die Mannifaltigkeit der Erscheinungen, daß ihr ganzes Wesen davon ergriffen und auf eine höhere Stufe versetzt ward. Die fortdauernde Aufmerksamkeit eines solchen Mannes erregte alle ihre Gefühle. Ihr Herz klopfte der Stunde entgegen, welche seinen Besuch bringen sollte, und wenn er ging, schien ihr eine Lichtgestalt aus dem Raume zu schwinden, den diese erfüllt hatte. Außer ihrem Bruder war ihr noch kein Mann begegnet, der eine solche geistige Fülle über seine Anwesenheit ausströmte, und doch stand dieser Bruder an Feinheit und Eleganz der äußeren Erscheinung weit hinter Lippert zurück. Olga unterließ niemals, zur festgesetzten Zeit anwesend zu sein, und nahm denselben Antheil, vielleicht einen noch regeren und gesprächigeren an der Unterhaltung. Dies genügte denn auch, andere Zeugen unnütz zu machen. Von Zeit zu Zeit stellte sich auch der Oheim ein und schien sich nicht minder daran zu erfreuen, obschon er nicht selten mit etwas prosaischen, aber doch scharfen Bemerkungen dazwischen fuhr, welche seinen Beobachtungen aus der indischen und amerikanischen Welt entfloffen waren. Hieran knüpften sich auch wohl längere Dispute über den Werth der Dinge, über Schlüsse und Folgerungen aus den Gegensätzen, die aber durch die geschickte Wendung, welche Lippert jedem Streite zu geben verstand, den freundschaftlichen Charakter nie verloren, und welche gerade dadurch, ohne daß es der Oheim merkte, Lippert als den eigentlichen Sieger hervorgehen ließen. So konnte es denn auch nicht ausbleiben, daß Lina's Herz sich dem jungen Manne gänzlich zuwandte, und bei aller Selbstbeherrschung, welche Lippert in Gegenwart Olga's und des Oheims übte, glaubte Lina doch aus Wort und Blick herauszufühlen, daß auch er nicht gleichgültig gegen sie geblieben sei. Einige Wochen waren so vorübergegangen, als Lippert bei seinem Besuche Lina allein fand. Man harrte noch Olga's, als ein Briefchen von derselben anlangte, welches mittheilte, ihre Mutter sei erkrankt und sie könne nicht kommen. Lina gab dem Diener einen Wink, Frau Tinner zu ihr zu senden, aber diese war ausgegangen. Einige Befangenheit verlor sich jedoch bald, als Lippert eine Reihe von Ansichten aus der Schweiz ihr vorlegte und die einzelnen großartigen Scenerien beschrieb. Er selbst hatte einige dieser Spitzen und Hörner erstiegen, die nur von den kühneren Reisenden betreten zu werden pflegen, und schilderte ihr eine solche Gletscherfahrt, die mit besonderen Gefahren verbunden gewesen, so daß ihr dabei das Herz voll Bangigkeit und Angst klopfte. „Nun," fügte er am Schluffe hinzu, „dieses Ersteigen des Schreckhorns oder des Pic Linguard, was ist es anderes, als die Symbolisirung des LebenS derjenigen, welche nicht unter dem väterlichen Apfelbaum oder unter den Weiden des murmelnden ThalbacheS geboren und begraben sein wollen, sondern in denen der Trieb und die Kraft leben, zu den Höhen des Lebens hinaufzusteigen und droben zu stehen, wo der Blick so weit reicht, die Erde so tief liegt und der Himmel so hoch sich wölbt. WaS ihn oben erwartet, er weiß es nicht und es kümmert ihn nicht; ob der volle Glanz der Sonne sich über ihn ergießen und alle Höhen und Tiefen unter ihm beleuchten werde; ob ein dichter Nebel ihn umhüllt und der Schatten der Wolken, die ihn umdrängen, Alles bedeckt; ob der Sturm ihn umtost, so daß er auf dem kleinen Raume deS Gipfels kaum sich aufrecht zu erhalten vermag — er weiß eS nicht und es kümmert ihn nicht — er weiß und fühlt nur, daß er über alles Niedrige dieser Erde hoch erhaben weilt, daß ihn die Tausende nicht erreichen, die im Gleichmaß der Tage ihre Zeit auSleben und sich wohl befinden, und daß, wenn er ausdauert, der Sonnenblick kommen werde, der diese Nebel und Wolkenschichten durchbricht, den Sturm schweigen heißt, und ihm nun, das Herz mit ungeahnter Wonne erfülleud, alle Herrlichkeit dieser Erde sehen läßt, die ganze Kette der Höhen, deren Silberhörner in den Himmel ragen und die Geheimnisie aller dieser Thäler und Schluchten, die tief unter ihm liegen. Er sieht dann, wo die Ströme entquillen, die sich von den Felswänden Herunterstürzen, um weit durch die Ebenen zu wallen und die Fluren zu befruchten; er sicht, wo die Wolken entstehen, welche hinunterziehen, um den Erdensöhnen den Himmel zu verdecken und doch aus ihrem Schooße Erquickung und Segen zu spenden. Es wird ihm Alles klar, wie eS wird und lebt und vergeht. . . Und dennoch, Lina, wer möchte eine solche Höhe einsam erklimmen und einsam droben stehen und verweilen? Wem füllt das Herz die Sehn-, sucht nicht, ein gleich schlagendes Herz neben sich zu haben, mit ihm gemeinsam zu tragen und zu genießen, mit ihm das Höchste, was das Leben bietet, zu erringen und zu theilen? ..." Lippert hatte sich schnell von seinem Sitze erboben, trat näher zu Lina und sprach mit etwas zitternder Stimme: „Verzeihen Sie, Lina; wir sind endlich einmal allein, und ich vermag nicht mehr die Frage zurückznhalten, die schon lange meine Brust erfüllt und mein Herz nicht zur Ruhe kommen läßt. Ich muß sie auSfprechen . . . Können und wollen Sie meine Genossin sein, die Höhe des Lebend zu ersteigen? Lina,' können Sie mir Herz und Hand schenken? mein Leben gehört Ihnen völlig ..." Lina war erblaßt, sowie der veränderte Ton seiner Stimme ihr den großen Augenblick verkündete, der ihr genaht. Sie hatte die Augen nicht aufzuschlagen vermocht. Jetzt aber erhob sie dieselben, und ein Strahlenglanz strömte aus den Blicken des jungen Mannes in die ihren. Sie zitterte, sie vermochte nicht zu antworten, aber ihr Haupt lag an der Schulter Lippert's, der sie fest an sich schloß.