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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-29 · Heft 35 (29.8.1871) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 35 (29.8.1871)
Date
1871-08-29
Page
Seite 710 (sequence 22)
Language
German
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710 Noch denselben Tag hielt Lippert bei dem Oheim um die Hand Lina'S an, und nach einem kurzen Gespräche des Onkels mit der Nichte wurde sie ihm zugesagt. 5. Lina war sehr glücklich. Als Olga die Nachricht von der stattgefundenen Verlobung erhalten hatte, kam sie nicht, wie Freundinnen zu thun Pflegen, um mit stürmischen Glückwünschen ihren Antheil an der Freude ausdrücken; unter dem Vorwände, daß ihre Mutter kränker sei als je, blieb sie lange weg und stellte sich dann wie im gewöhnlichen Verkehre ein, ohne zu heucheln und ohne ihren inneren Unmuth ganz zu verheimlichen. Lina fühlte wohl heraus (denn ein weibliches Herz hat für alle Empfindungen eine wundersame Spürkraft), daß sie in Olga eine Rivalin hätte; aber sie hatte zu wenig von ihr zu furchten, als daß sie etwas anderes als Mitleid hätte empfinden sollen, und gab sich viele Mühe, die Kälte in ihrer Schulfreundin zu überwinden. Jndeß alles dies störte die glückliche Braut im Ganzen wenig; Lippert war der ergebenste und zärtlichste Bräutigam; Alles, was er sprach und that, war ein Zeugniß seiner Liebe; ja bisweilen konnten andere Personen die Meinung nicht unterdrücken, daß er etwas zu viel sprach und that, um Jedermann seine Liebe und Hingebung für Lina bemerklich zu machen. So glich die Brautzeit Lina's lange einem spiegelglatten, vom Silberglanz des Sonnenscheins bedeckten See, und nur nach und nach erregte ein lebhafterer Wellenschlag das klare blaue Gewässer. In Lippert'ß Seele brannte eine Leidenschaft, die alle seine Gefühle überragte und beherrschte: es war der Ehrgeiz. Viel davon mag schon in der Anlage seines Geistes gelegen haben, aber eigenthümliche Umstände fachten denselben bis zur allgewaltigen Flamme an. Als Knabe war er zu einem Oheim gekommen, der in einer Hauptstadt des Elsaffes wohnte, und hier besuchte er ein französisches Lyceum. Man weiß> wie in diesen Schulen Alles auf Schein und Pomp berechnet ist. Die jährliche Preisbewerbung und Prämienvertheilung, die öffentlich in Anwesenheit der höchsten Staatsbehörden und der Elite der Gesellschaft mit allem möglichen Glanze geschieht, bildet Kern, Zweck und Tendenz des Unterrichts; alle Arbeit, alles Verlangen und Streben der Schüler ist hieraus gerichtet und findet nur darin seinen Ausgang- Mittel und Zweck. Die ausgezeichneten Geistesgaben des jungen Lippert stellten ihn alsbald an die Spitze seiner Claffe; auf ihn häuften sich von Stufe zu Stufe alle Ehren der Schule; ihm schmeichelten die Lehrer, weil sie mit ihm prunken und durch ihn Vortheile erzielen konnten, alle seine Mitschüler huldigten ihm, die ganze Stadt kannte und zeichnete ihn auS. Am meisten fühlten sich durch ihn seine Glaubensgenoffen geehrt und begegneten ihm daher mit besonderem Respect. Was Wunder, daß in dem Jüngling der Ehrgeiz zur vorherrschenden Leidenschaft ward, zur Triebfeder aller seiner Entwürfe und Bestrebungen; daß seiner Seele eine Selbstverblendung sich bemäcbtigte, die Alles, was er dachte und fühlte, alle seine Kräfte und Anstrengungen der Befriedigung seines Ehrgeizes zu Gebote stellte. Was er seitdem erlebt hatte, die Stellung, die er einnahm, die Verhältniffe, die sich ihm boten, diente m,r dazu, in dem Manne diejenigen Gefühle zu stärken, welche der Knabe in sich ausgenommen hatte. In jedem Kreise, in welchem er erschien, wollte er der Erste und Einzige sein, der Gegenstand aller Aufmerksamkeit, er wollte in ihm herrschen. Jetzt nun, wo er der bcucidete Bräutigam eines ebenso liebenswürdigen, ''wie begüterten Mädchens war, führte ihn sein Ehrgeiz dahin, Lina gänzlich beherrschen zu wollen und ihr fort und fort als das höchste Ideal zu erscheinen, als das Muster aller Vollkommenheiten, dem sie ganz und willenlos ergeben sein müsse. Er konnte keinen Widerspruch entragen, und wo sich ihm ein solcher absichtslos entgegenstellte, muße er unerbittlich niedergetreten werden. Er fühlte wohl bald, daß Lina doch ein zu selbstständiges Wesen war, ein zu lebhaftes Temperament besaß, um sich ganz so wie ein Stück Wachs oder Thon nach Belieben kneten und formen zu lassen. Dies reizte ihn erst recht, und er entwarf einen vollständigen Plan, um sich ihre Seele ganz unterthan zu machen. Bei der Entschiedenheit seines Auftretens, bei der Gewandtheit seines Geistes, seiner scharfen Dialektik und glanzenden Veredtsamkeit schien ihm dies durchaus nicht allzu schwer zu sein. < Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Aus den Friedens-Unterhandlungen theilt man noch folgende Anekvote mit: Als BiSmarck und Jules Favre die Kriegsentschädigung besprachen, war bekanntlich der Banquier Bleichröver als Sachverständiger zugegen. Favre war außer sich über die Forderung von 5 Milliarden und meinte, um seinem Gegner das Uebertriebene derselben einleuchtend zu machen: selbst wenn man von Christi Zeiten bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer solch ungeheuren Summe nicht zu Stande kommen. — „Oh", erwiderte BiSmarck, „seien Sie außer Sorgen. Dafür habe ich diesen Herren mitgebracht" — er deutete dabei aus Bleichröder — „der zählt von Erschaffung der Welt an." Verlag von Baumgärtrrer's Buchhandlung m Leipzig. — Druck von % B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur iir. H. Lotze.

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