Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-29 · Heft 35 (29.8.1871) · p. Seite 708

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 35 (29.8.1871)
Date
1871-08-29
Page
Seite 708 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226834--29810-3252665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

708 unbewußt vom Tische genommen, als ob sie ihn vor dem Hinwegraumen schützen und nicht verlieren möchte. Hatte sie aufgeblickt und in das Gesicht ihrer Freundin geschaut, sie hätte an deren zusammengepreßten Lippen, die sich vergebens zu einem sauer-süßen Lächeln zwingen wollten, und an den stechenden Blicken ihrer Augen gewahren muffen, daß es eben nicht der Antheil an demunschuldigen Vergnügen der Iugendgenossin war, der das Herz Olga's in diesem Augenblicke erfüllte. „Das ist nicht zu verwundern," erwiderte die letztere mit etwas scharfem Tone. „Seit seiner Rückkehr von seiner großen Reise durch Europa hat Dich ja dieser Lippert stets umschwärmt und in unzweideutiger Weise ausgezeichnet. Er hat nur Augen für Dich, nur Worte für Dich und vernachlässigt uns Uebrigen so sehr, daß ich, wie die Andern, mich darüber ärgern könnte, wenn ich nicht meiner theuren Freundin dieses Glück von ganzem Herzen gönnte." Wir unsererseits können uns nun nicht veranlaßt sehen, diese Worte als so aufrichtig gemeint aufzufassen, wie es Lina that. Sie schlug die Augen auf und richtete einen warmen Blick der Liebe auf ihre Freundin, deren Hand sie faßte und sprach: „Ich danke Dir, theure Olga. Wie könnte ich es anders von Dir erwarten?" „Aber ist denn weiter nichts vorgefallen? Vertrau es mir, Herz!" „Nichts, nichts, glaube es mir!" stieß Lina schnell aus — und in diesem Augenblicke erschien ein Diener und meldete Herrn Lippert an, welcher käme, um sich nach dem Wohlsein des Fräuleins nach der Rückfahrt zu erkundigen. Lina erblaßte und erröthete in schneller Folge, faßte sich jedoch und sagte: „Er ist willkommen." Der junge Lippert trat ein, von Lina mit unverkennbarer Befangenheit, von Olga mit einer gewissen Vertraulichkeit, die sie absichtlich zu betonen schien, empfangen. Er war in der That ein distinguirter junger Mann. Nicht blos eine feine und elegante Toilette zeichnete ihn aus, er war an Gestalt und Antlitz ein schöner Mann, der jedoch nicht, wie so viele schöne Männer, Mangel an Geist verrieth, sondern vielmehr das Gepräge eines sehr regen Geisteslebens an sich trug. So besaß Lippert alle Eigenschaften, welche ein junges, unerfahrenes Mädchenherz blenden und ihn als eine außergewöhnliche Erscheinung bewundern lassen mußten. Allerdings wäre dem schärferen Beobachter Manches nicht entgangen, was ihm einige Bedenken erweckt hätte. Von der hohen weißen Stirn strahlte Geist aus, aber eine die ganze Breite derselben durchschneidende Linie konnte andeuten, daß dieser Geist eine sehr eigenthümliche Richtung genommen habe, die nicht immer frei und gerade der Aufrichtigkeit und dem Rechte huldigte. Der wohlgepflegte und fein zugestutz^e Vollbart verdeckte daS Spiel der Züge, die um die etwas schmalen Lippen des so ausdrucksvollen Mundes sich bewegten, sowie daS hervorragende Kinn, daS der Regelmäßigkeit der GcsichtSform widersprach. 3ndeß auch wir haben bis jetzt keine Veranlassung, etwas Schlimmes darunter zu vermuthen und unsere Lina darauf aufmerksam zu machen. Nachdem der junge Mann die erforderlichen Erkundigungen eingezogen und in feiner Weise gegcr: Olga das Bedauern ausgesprochen hatte, sie bei demschönen Feste nicht gegenwärtig gefunden zu haben, ging diese fofoxt in die Frage über den allgemeinen Verlauf der großen Reise Lippert's ein und bat um einen Bericht darüber. Dies war dem jungen Manne sehr willkommen, und er hatte nun Gelegenheit, die ganze Gewandtheit seines Geistes und den brillanten Tact seiner Unterhaltung glänzen zu lassen. In kurzen, charakteristischen Zügen schilderte er seine Reisen und wußte, ohne in Einzelheiten einzugehen, überall so treffende und interessante Bemerkungen einfließen zu lassen, daß feine Zuhörerinnen stets zu neuen Fragen angeregt und auf immer weitere Mittheilungen gespannt wurden. Doch schloß er zur rechten Zeit, und als Olga ihn nun fragte, ob er dauernd hier bleiben werde, theilte er mit, daß er bereits eine geräumige Wohnung bezogen und beschäftigt sei, seine Sammlungen , für die er auf der Reife stets thätig gewesen, zu ordnen. Hieran knüpfte sich selbstverständlich die Frage nach diesen Schätzen und der Wunsch, dies und jenes in Augenschein zu nehmen, sich daran zu ergötzen und zu unterrichten. Lippert zeigte sich sofort hierzu bereit und bat um Feststellung dieser oder jener Stunde, um den beiden Freundinnen von seinen Photographien, kleinen Kunstwerken und transportablen Merkwürdigkeiten so viel wie möglich vorzulegen und zu erklären. Hiermit war die Eröffnung eines weiteren und innigeren Verkehrs gegeben, und Lippert zögerte keinen Augenblick, diese Gunst des Schicksals zu erfassen. Den jungen Mann hatte die Schönheit, Anmuth und Herzensgute unserer Lina schnell eingenommen. Außerdem hatte Herr Samwel schon früher Gelegenheit gehabt, seinen Freunden mitzutheilen, daß er seiner Nichte dereinst eine sehr große, namhafte Summe als Mitgift geben werde, und diese Freunde hatten die Kunde davon ihren Freunden überliefert, und so war das in den betreffenden Kreisen der Residenz bald herumgekommen. Aach Lippert wußte es. und da Samwel eines allgemeinen Vertrauens genoß, so breitete diese in Aussicht stehende Mitgift eine neue Strahlenkrone um das schöne Haupt unserer Lina. Die Vermögensverhältniffe Lipperts standen in Wirklichkeit durchaus nicht so fest, wie der Credit seines Hauses es glaubhaft machte, und der Zuschuß einer so außergewöhnlichen Mitgift konnte dem Hause nur gewähren, was ihm fehlte, den inneren festen Halt, welcher die im Hintergründe stets lauernden Krisen überwinden läßt. 9n der nächsten Zeit erschien Lippert daher recht oft in Samwel's Hause, und die Stunden , die er hier zubrachte, gehörten zu den schönsten, welche das Leben bisher unserer Lina geboten hatte. Die beredten Schilderungen des jungen Manneö, die spannende Weise, in welcher er Alles darstellte, was er zu erzählen hatte, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.