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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-29 · Heft 35 (29.8.1871) · p. Seite 707

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 35 (29.8.1871)
Date
1871-08-29
Page
Seite 707 (sequence 19)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Femlleton-Mlage zu Rr. 35. Leipzig, den 29. August 1871. Alls und nieder. Erzählung. tFortsctzung.) Die Gesichtszüge des Mädchens hatten sich bei den Worten Olga's so verändert und ein solches Gepräge der Bitterkeit angenommen, daß wir uns die beiden jugendlichen Gestalten doch etwas näher ansehen muffen. Unsere Lina war in den vier Jahren zu einer vollendet schönen Jungfrau geworden. Obwohl hoch und schlank ausgewachsen, besaß sie dennoch jene anmuthige Fülle, welche Ebenmaß und Grazie über die Erscheinung verbreitet; dabei blühte auf ihrem freien und regelmäßigen Gesichte die volle Gesundheit. Ganz anders die etwas untersetzte Gestalt ihrer Freundin, die, eckig und voll zugleich, nicht angenehm in's Auge fiel und deren Antlitz, ohne geradezu unschön zu sein, doch sehr markirte Züge bot und durch den Mangel an Frische gegen das ihrer Gefährtin abstach. Doch noch mehr unterschieden sich beide durch den Charakter, der sich in ihnen ausgeprägt fand. Große Lebhaftigkeit, die sich in den wechselnden Zügen und in den glänzenden Augen Lina's außsprach, verband sich mit einer Heiterkeit und kindlichen Schalkhaftigkeit, um sie ebenso intereffant wie schön zu machen. Auf dem Angesicht Olga's dagegen, in den scharfen Linien um ihren Mund, in den lauernden Blicken ihrer grauen Augen erkannte der schärfere Beobachter bald, daß in diesem Herzen unterdrückte Leidenschaften wohnten, welche die Schlammwellen des Neides und der Eifersucht, des Spottes und der Jntrigue in ihr aufivühlten. Lina hatte in ihrer Unbefangenheit wenig Ahnung davon und umfaßte die Freundin, die einzige, die sie in der gemeinsamen Pension gefunden, mit wahrer Innigkeit. Herr Samwel hatte seine Nichte nicht von sich lassen können und sie darum in die vornehmste Pension der Residenz nur zur Unterrichtszeit gesandt. Gleiches war auch mit Olga, der einzigen Tochter einer reichen Wittwe, der Frau Philipp, der Fall, und schon darum, und noch mehr, weil sie beide die einzigen Jüdinnen in dieser Anstalt gewesen, waren sie auf einander angewiesen und sie pflogen diese Freundschaft weiter, auch nachdem sie längst die Schule verlassen hatten. „Doch, lassen wir das", hob Olga wieder an. „Du bist also auf der bete cha»ipeire bei Liebermann's auf ihrer reizenden Billa gewesen, und da mußt Du mir doch etwas erzählen." Sie-zog die Freundin nach einem Divan, auf welchem beide Mädchen neben einander Platz nahmen. „Was soll ich Dir davon erzählen?" erwiderte Lina; etwas zögernd. „Du. kennst so ziemlich die Gesellschaft, die sich bei Liebermann's zu versammeln pflegt; es waren diesmal noch einige ältere Damen, einige Assessoren und Referendare mehr, einige Fremde, denen man nicht ansehen konnte, ob sie Principale oder Commis voyageurS seien; ich kümmerte mich nicht um sie. Es gab feine Tafel, schöne Spaciergänge im Park, eine große Wasserpartie auf dem Flusse, wobei wir jungen Leute sehr heiter waren, und mancherlei Scherze getrieben wurden." „Nun, und die Hauptsache, der Ball?" „Gewiß, der war glänzend. Es war ein wundervoller Abend, lau und doch frisch, und die Sterne funkelten von: wolkenlosen Himmel herab. Man gewahrte sie aber kaum, denn der große Garten war durch eine prachtvolle Beleuchtung auf allen Wegen und in allen Bäumen und Gebüschen von so hellem Glanz durchflossen , daß die Himmelslichter davor erblaßten. Auf dem großen Nasenplatze vor der Säulenhalle war ein reizender Tanzplatz hergestellt, halb überdacht und mit Festons und Blumen bekränzt, und die trefflichste Musik lud zum Tanzen in wahrhaft verlockender Weise ein." „Nun, und mit wem hast Du getanzt? Gestehe eS mir, oder ich rathe es — nicht wahr, mit dem jungen Lippert?" DaS feine Gesicht Lina's erröthete sichtbar, und sie antwortete nach einigem Zaudern: „Ja, er hat viele Tänze mit mir getanzt, und mich sehr gut dabei unterhalten." Lina hatte die Augen gesenkt und blickte auf einen Blumenstrauß, den ihre in den Schooß gelegten Hände hielten. Er hatte vorher auf dem Tische gelegen, und verdiente die Aufmerksamkeit gar nicht mehr, die sie ihm widmete, denn die seltenen Blumen, aus denen er bestand, waren bereits ziemlich verwelkt. Sie hatte ihn

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