Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1871)
- Date
- 1871-08-29
- Page
- Seite 700 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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700 wo es gilt einer Steuerung nach ihren Begriffen entgegenzutreten; auch sie huldigen nicht selten dem in ihrem Sinne gedeuteten Ausspruche ‘»MP visn 'nb mü?: ny; wo es gilt für ihren Gott der Eitelkeit und des Eigennutzes etwas zu thun, da gestatten sie sich und Andern, die Lehre der Menschenliebe und Gerechtigkeit zu beseitigen. Allein von einem Dr. und R a b b. glaubten wir uns berechtigt, wenigstens eine Achtung und Würdigung seines Amtes zu erwarten. Neulich aber hat Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer aus Berlin auch uns eines Probestückchens des reinen und lautern Wandels der Neuorthodoxen gewürdigt. Bekanntlich gehört Mitau zu den einigen wenigen Städten Rußlands, die dahin streben, dem Cultus- und Gemeindeleben die darin verloren gegangene Achtung nach Außen und Würde nach Innen wieder herzustellen. Dank der Empfänglichkeit eines, wenn auch geringen Bruchtheils unserer Gemeinde, Dank denl ruhigen, aber energischen Streben unsers Herrn Rabbiners, sind die an den Institutionen fast aller jüdischen Gemeinden in Rußland hastenden Nebel beseitigt und die Anfänge zu einem edlern und würdiger» Cultus angebahnt. Selbst die strengste?; Frommen können unserm Rabbiner die Anerkennung nicht entziehen, daß er keineswegs auf Reformen drängt, sondern, wie aufklärend und läuternd seine Predigten auch sind, sich doch erst dann entschließt von der althergebrachten Ordnung abzuweichen, wenn ein unvermeidlich auftretendes Bedürfniß es gebietet, oder wo es gilt dem umsichgreifenden JndifferenrismuS entgegenzutreten. Zu den jwichtigsten Neuerungen, die hier eingeführt sind, gehören: daß der Cantor in der dem erblichen Ehrenbürger Herrn L. Friedlieb gehörenden Synagoge während des Gottesdienstes den Pariser oder Londoner Hut mit dem üblichen Baret und den nach der Mode wechselnden Rock mit dem Ornate vertauscht, ferner, daß der Rabbiner aus den talmudischen und casuistischen Quellen die Leiche sammt einem nach unten zum Theil geöffneten Sarge zu versenken gestattete — was aber aus Mangel an Anklang in der Gemeinde nicht' ganz durchgeführt worden ist — endlich, daß am verflossenen Wochenfeste 7 Mädchen confirmirt wurden. Beiläufig gesagt, war diese Feierlichkeit — überhaupt hier erst zum 3. Male — so erhebend, die Predigt so begeisternd und hinreißend, der ganze Act so ergreifend und durchdringend, daß fast kein Auge in der Synagoge trocken blieb. Und gegen diese gewaltigen Steuerungen in Mitau macht Herr Rabb. Dr. Hildesheimer in Berlin Front und erklärt sie alle in einem Schreiben au Herrn Friedlieb für die jüdische Gemeinde, ohne daß dieser ihn darum gefragt hatte, für strengstens verboten. Wahrlich es gehört ein großes Maaß von Selbstüberhebung dazu, um zu glauben, daß die jüd. Gemeinde in Mitau, umgeben von zahlreichen großen und kleinen Talmudkoryphäen in Lithauen, von denen der Kleinste das große Licht genannt wird und sehr viele eS als eine freche Geringschätzung betrachten, wenn ihnen das Prädicat G a o n entzogen wird, Herrn I)r. Hildesh. als das höchste Appellationsgericht in Religionsfragen betrachten werde. Dadurch könnte aber blos die Bescheidenheit und die Urthellsfähigkeit deS Hrn. Dr. Hildesh. in Frage gestellt werden. Wir wären sogar zu glauben geneigt, daß Herr Dr. Hildesheimer dem talmud. Grundsatz huldige ncn» d*in am« .nnx pro yjn '\t ban t»ip ba Allein diesem Schreiben ist ein Commentar beigefügt, der Hrn. Dr. Hildesheim. in ein sehr ungünstiges Licht stellt. Dieser Commentar besteht in einem Schreiben an seinen Correspondenten in Mitau, auf dessen Commando Herr Dr. H. eigentlich seinen Hirtenbrief durch Hrn. Friedlieb an die Mitausche Gem. erlassen hat, und in dem er sich vor seinem Correspondenten vertheidigt, warum er so viele zweideutige Ausdrücke gebraucht. Da erscheint uns das große Licht aus dem modernen Athen in der erbärmlichsten Kleinlichkeit. Schon das Incorrespondenztreten mit einem Menschen, von dem es schwer zu entscheiden ist, ob die Verachtung größer ist oder die Verhöhnung, die ihm von der ganzen Gemeinde gezollt wird, ist eines Rabbiners aus Berlin, der den Mann nach seinem Stil und nach dem Inhalt seines Schreibens erkennen mußte, völlig unwürdig. Nun vollenddas Cokettiren mit diesem Menschen, das Verlangen auch in seinen Augen nicht von dem hohen Piedeftal der Ueberfrcmmigkeit herabsteigen zu müssen und doch nicht die Macht in sich zu fühlen der Mitauer Gemeinde alles zu sagen, was sein Corresp. ihm dictirte — dazieht den Hrn. Hildeshermer in eine Sphäre herunter, wo wir uns wahrlich schämen ihn zu sehen. Da- Interessanteste dabei aber ist, daß dieser Correspondent Hrn. Dr. H. die Meinung ausdringen wollte, daß da- Koscher-Fleisch in Mitau und sogar vom sg. ,Hinterviertel" ohne jede Conttole von Seiten des RabbinatS verkauft werde, während in der Wirklichkeit vom „Hmterviertel" gar nicht und das übrige Fleisch unter der