Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1871)
- Date
- 1871-08-29
- Page
- Seite 697 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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697 griffen ist und der Rabbiner, Herr Kreisrabbiner M. Sachs, bereits seinen Sitz nach Kommotau verlegt hat, wo ebenfalls, durch die Eisenbahn begünstigt, eine junge Gemeinde im Aufblühen begriffen ist. Die Gemeinde Lichtenstadt ist jetzt fast eine Filiale von Karlsbad. Für die Geschichte der Entwickelung der Religionsfreiheit in Oesterreich wäre, es zu wünschen, wenn alle Actenstücke der neuen Gemeinden, z. B. Baden rc. vollständig veröffentlicht würden. In Baden war der Magistrat gegen die Bildung der israelitischen Gemeinde, und sein Haupteinwand bestand darin, daß kein einziger Jude daselbst Grund und Boden besitze. In Karlsbad hingegen sind sehr viele Juden Besitzer von Häusern, und Herr Hcrschel ist der Erbauer und Besitzer des prachtvollen Ratio nalhötels, einer wahren Zierde der Stadt. Doch das alte Zopfthum ist nie verlegen, wo es gilt Einwendungen zu machen. Dank der neuen Verfaffung erweisen sich diese Einwendungen als sehr unhaltbar. Frankreich. Paris, 9. August. Das traurige Spiel, das jetzt mit den Israeliten in Algerien gespielt wird, die man heute naturalisirt und mit allen bürgerlichen Rechten versieht, morgen wieder denationalisirt und ausschließt, verpflichtet uns, die Fäden zu verfolgen, aus denen dieses erbärmliche Gewebe zusammengesetzt wird. Es liegt uns jetzt die Widerlegung vor, welche Herr Cremieux der Petition des Herrn du Bouzet gegen die Naturalisation der eingeborenen Israeliten Algeriens in einem Schreiben an die Mitglieder der Nationalversammlung ertheilt hat. Es geht aus derselben hervor, daß dieser Mann von Crsmieux selbst als außerordentlicher Commissarius nach Algerien gesandt und mit allen Vollmachten der Civilregierung ausgestatiet worden war; nachdem er zwei Monate in Function gewesen und das Decret vom 24. Oktober bereits drei Monate alt war, verlangte er am 24. Jan. in drei Depeschen „im Interesse von ganz Algerien", daß Cremieux ein Supplement zu jenem Decrete erlassen solle, welches er für unentbehrlich halte, nämlich daß den eingeborenen Israeliten auch das Wahlrecht zu den Municipalräthen eingeräumt werde. Er trieb die Fürsorge für die Rechte der Juden so weit, daß er zu diesem Zwecke einen Gesetzentwurf einsandte, durch welchen die letzten Listender algerischen Israeliten zu den Wahllisten hinzugefügt werden sollten. Ja am 25., und wiederum am 26. telegraphirte er, die Regierung solle per Telegramm das legitime, nothwendige und drängende Decret, für welches er den Entwurf gesandt habe, genehmigen. Davon hänge der AuSgang der Wahlen und hiervon das Schicksal von ganz Algerien ab. Damals war Crömieux Minister und Delegirter der Regierung; an diesen richtete er solche Forderungen — und jetzt schildert er die Israeliten als eine Gefahr für Algerien, und hält deren Wahlberechtigung für ein großes Unglück! Es ist wahr, man ist bereits über die französischen Zustände aufgeklärt genug, um sich selbst über solch unsittliches Gebühren nicht mehr zu verwundern. Was viel mehr in Erstaunen setzt, ist die cynische Frechheit, der gänzliche Mangel an Scheu und Scham, womit diese französischen Staatsmänner ihre Charakterlosigkeit zur Schau tragen. In einem anderen Lande würde die Mittheilung dieser Actenstücke der Petition Bouzets jeden Credit nehmen und sie mit Hohn zurückweisen laffen — in Frankreich wird sie berücksichtigt, und der Mann er» reicht sein Ziel. Der Grund ist leicht erklärlich. Die Franzosen wollen für den Aufstand der Araber einen Sündenbock, wie sie für alle ihre Unglücksfälle Sündenböcke suchen, um nicht eingestehen zu müssen, daß ihre eigenen groben Fehler und Schwächen das Unglück herbeigeführt haben. Nicht ihre fünfzigjährige Mißregierung in Algerien hat den Aufstand der Araber bewirkt, sondern nur — die Gleichberechtigung der eingeborenen Israeliten! Als ob die Araber das französische Bürgerrecht einen Pfifferling werth achteten und sich um dessen Vorenthaltung kümmerten! Da erscheint aber mtf einmal dieses franz. Bürgerrecht in einer besonderen Glorie — die Wüstenstämme sind neidisch und eifersüchtig auf dasselbe — das zieht, und Recht und Gerechtigkeit? Wer kümmert sich noch um diese. Pariö, 15. August. Obschon die gegenwärtige Regierung des Herrn Thiers — man erinnere sich der Rolle, die dieser Herr Thiers, der trotz seiner Schlauheit und Talente voll von Vorurtheilen aus allen Gebieten ist, 1840 in der Angelegenheit von Dainaskus tranrigen Andenkens gespielt hat — die Abschaffung des Decrets vom 24. Oktober als Gesetzentwurf der Nationalversammlung vorgelegt hat, so steht es doch um diese Angelegenheit noch nicht ganz ver- 35