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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-29 · Heft 35 (29.8.1871) · p. Seite 692

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 35 (29.8.1871)
Date
1871-08-29
Page
Seite 692 (sequence 4)
Language
German
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692 Wir hielten es für unsre Pflicht, diesen gegenwärtigen Standpunct zu charakterisiren in der Hoffnung, daß die klare Erkenntniß der Motive und Wirkungen nicht ohne Einfluß bleiben werde. Wir haben uns aller Phrasen und AllgemeinsLtze enthalten; deren hat unsre Zeit schon allzuviel. Die einfachen Thatsachen sprechen laut, und vor ihrer Erwägung kann die Einsicht nicht ausbleiben, daß das absichtliche Niedertreten eines doch immerhin beträchtlichen Theiles der russischen Bevölkerung nicht fortgesetzt werden kann, ohne nach allen Seiten hin zu schädigen. DaS offenbarste Zeichen der Parteileidenschafr aber ist stets, daß man den einen Theil ungestört angreifen, den andern Theil sich auf keine Weise vertheidigen läßt. Einer solchen Parteileidenschaft Raum zu geben ist einer hohen StaatSregierung nicht allein nicht würdig, sondern wird auch früher oder später für sie selbst gefährlich. Literarischer Wochenbericht. Berlin, im August. L. Lewandowski, Königl. Preußischer Musikdirector, Kol Rinna und Tephilla, ein- und zweistimmige Gesänge für den israelitischen Gottesdienst; Berlin 1871. In dem vorliegenden Werke ist der Componist endlich mit einer Sammlung seiner liturgischen Arbeiten hervorgetreten. Wir begrüßen mit Freuden dieses Unternehmen, das einem überall empfundenen Bedürfniß abzuhelsen bestimmt ist. Man kennt Lewandowski auS seiner langjährigen amtlichen Wirksamkeit, über den Kreis seiner unmittelbaren Schüler hinaus, als eifrigen Kämpfer für den Grundsatz: die von unseren Vätern ererbten Gesänge, sofern sie künstlerischer Veredelung fähig sind, als ein würdiges Vermächtniß zu pflegen. Es sind jedoch vornehmlich die Recitative, welche L. als eigenthümliche Schöpfungen der Juden bezeichnet und er hat seiner musikgeschichtlichen Ansicht gemäß, in dem angezeigten Werke dieselben mit Vorliebe behandelt. Die neu componirten sind im Geiste der alten erdacht. Dies wird man aus: Atto jozarto, Umipne chatoenu, Uwaschofor godol, al ken n’kawweh, atto soeben, soeharti loch, atto niglesso u. a. unzweifelhaft erkennen. Es ist in Anbetracht der Schwierigkeit besonders das Recitativ, bei welchem wir ebenso sehr in der Erfindung des Tones, welcher sich den feinsten Wendungen des Textes anschmiegt, als in der grammatisch-correcten Deklamation des Wortes, den Meister bewundern. Dabei sind alle Recitative rhythmisch einfach bearbeitet und können durchgehend im tempo gesungen werden. Das Gleiche gilt für die Chöre. Was der Componist in der nach vielen Seiten hin höchst beachtenswerthen Vorrede von seinem Bestreben in Bezug auf die Behandlungsweise derselben ankündigt, hat er durchaus geleistet. Die zweistimmigen Chöre find leicht ausführbar und haben durchweg einen schönen melodischen Fluß. Wir heben besonders hervor: Adon Olam, zum Ausheben der Thora, wo'ancbo, ki lekach, zur Todtenfeier, Onno l’ssimcbas tora, Jigdal, W’jeessoju, und ilallelujah. Für das Letztere machen wir aufmerksam auf die originelle und - unseres Erachtens, einzig richtige Betonung des Jah. So wird der Kundige reichen Wechsel eines durchaus edlen und schönen musikalischen Ausdrucks finden, je nach der Anforderung des Gedankens wird er Bach'sche oder Händel'sche Empfindungsweise gewahren, und dennoch immer und überall eine eigenartige, dem Fremden nicht unterworfene Kraft erkennen. Dies ist es, was uns bei der Bearbeitung unserer alten Weisen noch thut: künstlerisches Vermögen und religiöses Empfinden. Wir glauben daher nicht zu hoch zu greifen, wenn wir diesem Werke für die Schlichtung des religiösen Zwiespalts, in welchem sich der neuere Jude bewegt, eine Bedeutung beimesien. Während der Jude mit seiner gesammten Bildung und Gesittung in der Cultur seines Heimathvolkes wurzelt, soll dennoch ein eigenes, besonderes Gefühlsleben in ihm erzogen werden. Soweit der Cultus die Macht hat, diesen Widerstreit zu mildern, ist die Musik in erster Linie zu dieser versöhnenden Wirkung befähigt. In ihr können und dürfen wir ein Eigenes bewahren. Und in der That die Erinnerung an die Gesänge der Jugend klingt durch das ganze Leben hindurch fort. Aus einem höheren Gesichtspuncte sind wir daher allen denen dankbar, welche als echte Männer der Kunst die künstlerische Gestaltung der alten synagogalen Weisen sich angelegen sein lasten. Herr L. ist in dieser Arbeit der Ersten einer. Den Gemeinden aber erwächst aus diesem Gesichtspuncte die unerläßliche Pflicht, dieser Culturmittel sich theilhaft zu machen. Das vorliegende Werk ist bestrebt, den einfachsten Verhältnissen jüdischer Gemeinden zugänglich zu werden. Für den Vorbeter darf es als vollständiger Leitfaden bezeichnet werden, so daß derselbe das Machsor fast entbehren kann. Es enthält mehr

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