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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-29 · Heft 35 (29.8.1871) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 35 (29.8.1871)
Date
1871-08-29
Page
Seite 691 (sequence 3)
Language
German
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691 gesehen. Zuerst, und da giebt der Mann sofort sich zu erkennen, klagt er die russische Gesetzgebung an, daß sie der gewerblichen Thätigkeit der Juden gar keine Schranken setze, daß diese daher einen bedeutenden Wohlstand erworben und die Griechen und Nüssen aus dem Handel verdrängt hätten; auch sei die griechisch-russische Kirche so tolerant, daß sie dieser Entwickelung ruhig zugesehen habe. Alsdann bringt er die Fabel vor, die Juden verletzten daS religiöse Gefühl des Volkes durch „lautes Ablefen von Gebeten auf offener Straße und allerlei Processionen wahrend gewisser Feste"!! Er beschuldigt sie ferner, durch die Betreibung der Gewerbe am Sonntag zur Verletzung des letzteren das Volk verführt zu haben. Nun kommt er zu der alten Beschuldigung gegen die Juden, durch den Branntweinverkauf die Trunksucht des russischen Volkes und deren bedauerliche Folgen bewirkt zu haben, so daß er sich nicht entblödet, Odessa und Südrußland als verpestete Lasterhöhlen darzustcllen. Alles dies soll die Uebervölkerung Südrußlands durch Juden verursacht haben. Um dies etwas anschaulich zu machen, giebt er statistische Notizen über die Zahl der Juden in den verschiedenen Staaten Europas. An diesem Puncte sehen wir unsre Gegner stets gern anlangen. Denn hier verräth sich ihre Böswilligkeit und ihre Verlogenheit am deutlichsten, der liebe Mann rechnet darauf, daß die Statistik der Inden seinen Lesern unbekannt ist, und häuft nun lügenhafte Zahlenangaben nach freiem Belieben. Wir wollen nur drei derselben hervorheben. Er sagt: „In Rumänien gibt es 800,000 Juden auf 4 Millionen Einwohner, in Polen 800,000 Juden auf 4 Millionen und in Südrußland über 2 Millionen Juden gegenüber einer Bevölkerung von circa 12 Millionen." Durchaus falsch! In Rumänien wohnen genau nur 215,000 Juden; in Polen unter 5,700,000 Seelen 732,464 Juden; in Südrußland (nach dem St. Petersburger Handelskalender für 1871), Beßarabien eingeschlossen, nicht über 2 Millionen, sondern nur 323,674 Juden! Ja, in ganz Rußland kommen auf circa 80 Mill. Seelen 2,158,610 Juden, also erst der 37. Mensch, während in Oesterreich unter 34 Millionen Einwohnern sich 1 i/s Millionen Juden befinden, also schon der 30. Mensch. Eine jüdische Uebervölkerung von Sudrußland ist demnach eine pure Erfindung! Aber abgesehen hiervon zeigt die Criminalstatistik derjenigen Theile Rußlands, in welchen gar keine oder nur wenige Juden wohnen, z. B. von Petersburg und den anderen russischen Hafenstädten, daß die Trunksucht und die Verbrechen durchaus nicht geringer sind als in Odessa. Noch mehr, die Statistik von England, wo unter 30 Millionen Seelen nur 40,000 Juden wohnen, und besonders von London, erweist, daß daselbst nicht weniger Menschen am ckelirium tremens sterben, und die Perbrscherzahl nicht geringer ist als in Rußland. Wir haben Obiges nur hervorgehoben um die Mittel der Täuschung zu charakterisiren, welcher die Feinde der Juden sich bedienen, um den unglücklichen Juden außer dem ihnen zugefügten Schaden noch die Schuld selbst aufzubürden, und sie als die abscheuliche Ursache aller Nebel zu brandmarken! Freilich kennzeichnet sich der Verfasser des gedachten Artikels auch im weiteren Verfolge für das unparteiische Auge. Denn immer und immer wieder kommt er daraus, daß man den Juden Handel und Gewerbe untersagen sollte. Aber was thut dies? Wo Tag für Tag dieselben gräßlichen Beschuldigungen dem Publicum vorgepredigt, dieselben Höllenbilder von den Juden entworfen werden, wo andererseits auch die einfachste Entgegnung, auch die maßvollste Widerlegung unterdrückt wird — welche Stimmung muß sich da aller Gemüther bemächtigen, wie auf lange Zeit Haß und Verachtung gegen alle Bekenner des Judenthums verbreitet, welcher Sturm gesäet werden, der bald hier bald dort bei d.em geringsten Anstoß ausbrechen kann!... Dies ist es denn auch, waö uns erwarten läßt, daß die russische Staatsregierung von dem so befchrittenen Wege bald wieder ablenken werde. Denn es kann ihr nicht gleichgültig sein, daß gegen mehr als zwei Millionen ihrer Nnterthanen mit so offenbarer Absichtlichkeit eine Flamme entzündet wird, die an den verschiedensten Orten verheerend ausbrechen könnte. Sie wird sicherlich erwägen, daß, wenn erst die Volkßmassen gegen Gesetz und Obrigkeit zu handeln begonnen haben, sie bald sich ebenso gegen andere Classen wenden und ihre Lust an Mord und Zerstörung auch an anderen Ständen befriedigen werden. Schon die Ungcstrastheit der in Odessa verübten Vergehen muß eine nachtheilige Wirkung auf das RechtSgefühl und die Ehrfurcht vor der gesellschaftlichen Ordnung im Volke üben. Eine Krankheit, die das eine Glied angreift, dehnt ihre zerstörende Kraft auch bald auf die andere aus. Einstweilen freilich ist nicht bloS die allgemeine Stimmung eine traurige für unsre Glaubensgenossen, sondern es sind auch bereits einige günstige und erleichternde Maßregeln, welche in den Ministerien berathen wurden, inS Stocken geralhen. 35*

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