Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1871)
- Date
- 1871-08-29
- Page
- Seite 690 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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690 nein: die letztere begünstigte, äußerte sich dieser auch in öffentlicher Gesellschaft in schmählicher Weise über die Juden. Dies wußten die Griechen und begannen daher gegen die Juden in jeder Weise zu intriguiren. Nicht nur benutzten sie die Localpreffe zu unaufhörlichen Hetzereien, Beschimpfungen und Beschuldigungen, sondern ließen auch in Kiew Pamphlete drucken und verbreiteten sie zu 30,f»0O Exemplaren unter dem Volke in Odeffa und der Umgegend. Nachdem so die Minen reichlich gelegt und gefüllt waren, blieb der zündende Funke nicht aus. Der erste Eindruck, welchen die Nachrichten über den dreitägigen Aufstand in Odeffa in Rußland und namentlich in Petersburg machten, war für die Juden' ein günstiger. Man sah sich im eigenen Lande und vor der ganzen Welt compromittirt; auch in Rußland also, undzwar in einer der großen Städte selbst, -konnten Bewegungen entstehen, und drei Tage lang wüthen, welche auf die Commune von Paris hinwiefen; ein böses Beispiel war gegeben, das vielleicht bald ngchgeahmt werden konnte. Man war in allen Kreisen höchst indignirt, der Generalgouvernenr sollte zur Rechenschaft gezogen, den Juden Entschädigung gegeben werden. Allein bald nahmen die Dinge eine andere Wendung. Warum sollte man die russischen Behörden und das russische Volk compromittiren, wo man einen so bequemen Prügelknaben hatte, die Juden nämlich? Mitgefühl und Gerechtigkeit sind Dinge, welche zwar im ersten Momente auch selbst die Politiker und die Parieimenschen überkommen; nach kurzer Zeit aber gewinnen andere Jntereffen und andere Zwecke die Oberhand wieder. Nicht lange, und man haßt diejenigen, welche die, wenn auch unschuldigen und leidenden Ursachen eines unangenehmen Vorfalls waren; man sieht in ihnen die Feinde der gemeinsamen Sache, welche um ihretwillen geschädigt seien. Zuerst wollte man die Sache vertuschen, oder doch verkleinern, damit im AuSlande der Gegenstand nicht so groß erscheine, wie er wirklich war. Jede Angabe über den Umfang des angcrichteten Schadens wurde unterdrückt; jede Cvllecte zu Gunsten des außerordentlichen Elends verboten; allen Blättern wurde aufs Strengste untersagt, über die Emeute zu schreiben, außer waL in den Regierungsblättern selbst gestanden hatte. Diese Wendung der Sache wurde bald allgemein erkannt, und nun hatten die Gegner der Juden freien Spielraum. Mit einer unerhörten Wuth, mit einer schrankenlosen llnverschämtheit fielen die Journale über die Juden her und machten diese, zuerst negativ, bald factisch zu den eigentlichen Urhebern des Aufstandes. Sie sollten nicht blos den Haß der Bevölkerung hervorgerufen, sondern den Angriff selbst begonnen und den Fanatismus des griechischen Pöbels durch directe Verletzung seiner religiösen Gefühle provocirt haben!!! Die Richtung war gegeben, und da jede Entgegnung, ja jede nackte Darstellung des wahren Verlaufes nicht mehr gestattet wurde oder nur in dürftigster Weise und auf Umwegen sich herauswagen durfte, so traten selbst die sonst gegen die Juden gerechteren und freundlicheren Blätter entweder zu den Gegnern über, oder schwiegen. Besonders war es der „Golos", der den Schlachtruf gegen die Juden in allen möglichen Variationen des Haffes erhob. Er, der früher von Günzburg eine Anleihe von 10,000 Silberrubel beansprucht, dann von Poliakosf eine Abnahme von mehreren Hundert seines Blattes verlangt hatte, er war es, der jetzt auf sämmtliche. Juden seinen ganzen Grimm ausgoß und sich des Machwerks des unwissenden und gewissenlosen Renegaten Brafman als Handbuch und Codex bedienend, die Juden als eine ^geschlossene und durch ihre Kahals organisirte Gesellschaft von Exploiteuren darstellte. Dieser Fahne folgten mit mehr oder minder Heftigkeit die anderen Journale. Man braucht nur selbst Blätter nachzulesen, welche früher, ohne eigentliche Begünstigung der Juden, doch eine gewisse Unparteilichkeit beobachteten, um die bedauernswerthe Wendung wahrzunehmen, welche seit den Odessaer Vorgängen die öffentliche Meinung, so weit sie sich in Rußland durch die Tagespreffe repräsentirt sieht, was freilich oft nur in gemachter, ja in forcirter Weise geschieht, gegen die Juden genommen hat. Vor uns liegt z. B. die Riga'sche Zeitung Nr. 101 vom 16. Mai, die einen Feuilletonartikel „die Judenkravalle in Odeffa" bringt, der in seiner Art das Erstaunlichste lefftet. Wir wiffen, daß eine, sehr mäßig gehaltene Widerlegung von der Redaction zurückgewiesen und von keinem russischen Blatte angenommen wurde, und doch gehörte die Riga'sche Zeitung früher zu den in solchen Angelegenheiten freundlichsten Blättern. Der Verfasser verräth freilich schon beim Beginn trotz seiner Versicherungen der Unparteilichkeit, daß es seine Absicht ist, die Localbehörde von Odessa und die Bewohner dieser Stadt zu rechtfertigen und alle Schuld auf die Juden zu wälzen. Nach ihm war daher Alles, was in Odessa geschah, überraschend und zwar für Alle, doch aber längst vorbereitet und als irgend ein Mal kommend voraus-