Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1871)
- Date
- 1871-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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35. Jahrgang. Allgemeine JYs* 35. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 29. August 1871. Diese Zrrtuna erscheint wöchentlich einmal Dienstags, in 2 bis 2»/, Bogen. Preis beS Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Inserat: werben mit 1ty2 Ngr. für die Pctitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und ZciNlngS.Expeditiouen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedilion für beide Letztere hat sich das König!. Sachs. Haupt-ZeitungS-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Zustände in Rußland. (Schluß). — Literarischer Wochenbericht: Berlin. — Correspond enz: Ahlen. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig, Cöln, Frankfurt am Main, Vom Rheine, Fürth. — Oesterr.- ungar. Monarchie: Ans dem westlichen Böhmen. — - Frankreich: Paris. —<■ Donausürstenthumer: Bukarest — Rußland: Mitau, Wilna. Feuilleton-Beilage: Auf und nieder. (Fortsetzung.) — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 20. August. Zustände in Rußland. (Schluß.) Aus den zuverlässigsten Mittheilungen geht hervor, daß der Aufstand in Odessa gegen die Juden am letzten Osterfest für ganz Rußland durchaus überraschend kam, hingegen in Odessa seit langer Zeit vorbereitet war. In Odessa befindet sich ein Mittelpunct für die Griechen und Deutschen, welche von der Scheelsucht auf den commerciellen und intellectuellen Einfluß, den die Juden daselbst gewonnen haben, ganz besonders beherrscht werden und deshalb das leidenschaftliche Verlangen hegen, die Juden möglichst durch Gesetze zu beschränken, und wenn sie dies nicht vermögen, durch Gewalt zu vernichten. Der Verlauf der ganzen Emeute bestätigt dies. Nicht gegen das Leben der Juden war sie gerichtet, selbst Mißhandlungen von Personen kamen verhältnißmäßig in viel geringerem Maße vor, als dies bei früheren ähnlichen Vorgängen der Fall war. Rein, es galt vielmehr daS Vermögen und daS Gewerbe der Juden. Man ruinirte ihre Waaxen, zertrümmerte ihre MeubleS, zerriß ihre Handelsbücher, Correspondenzen, und Werthpapiere, und plünderte, was man dabei wegschleppen konnte. DaS, was die Meuterer vernichteten, ohne daß ihnen ein Vortheil daraus erwuchs, überstieg daS, waS sie sich aneigneten, in einer enormen Weise. Der unmittelbare Zweck wurde erreicht: eine große Zahl jüdischer Familien wurde an den Bettelstab gebracht und kann ihr Gewerbe in dem bisherigen Umfange nicht fortsetzen; daß dies jedoch sie nicht abhalten wird, durch ihren Fleiß, ihre Gewandtheit und Mäßigkeit mit der Zeit wieder in die Höhe zu kommen, so daß das verbrecherische Unternehmen dadurch vereitelt wird, ist selbstverständlich. Die blinde Leidenschaft jedoch hat solchen Blick in die Zukunft nicht und will nur vernichten, waS sie eben vor sich hat. Das Benehmen der christlichen Bürgerschaft und daS Verfahren der Behörden gicbt den genügenden Beweis daß wir in der Angabe der trüben Quelle, auS der diese Ereignisse geflossen sind, nicht irren. Seitdem Herr von Kotzebue als Generalgouverneur in Odessa weilt und deutsches Regime einführte, zeigte er sich, wenn auch mit Zurückhaltung, den Juden gehässig, und als in der jüdischen Gemeinde selbst der Streit zwischen der russischen und deutschen Partei ausbrach, und der Gcneralgouver-