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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-22 · Heft 34 (22.8.1871) · p. Seite 686

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 34 (22.8.1871)
Date
1871-08-22
Page
Seite 686 (sequence 18)
Language
German
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686 Blüthcn fallen mußten und auch in Gestalt einer kleinen Jahresrente, die er ihnen aussetzte, fielen. Das alte, verkommene Reichsstädtchen merkte überhaupt bald, daß ein Nabod innerhalb seiner verfallenen Mauern weilte. Samwel suchte am folgenden Morgen zunächst den Parneß der Gemeinde auf und legte in seine Hände die ganze Summe der Jahresgelder nieder, welche diese für feines Bruders Kinder in den zehn Jahren verausgabt hatte. Der Mann dankte dafür, da dieses Geld der Gemeinde zur Restauration ihrer Synagoge sehr zu statten käme, unterließ aber nicht, zu fragen, ob nicht auch die Zinsen hinzugefügt werden könnten? Dies nahm Samwel übel auf und meinte, er ließe sich keine Vorschriften machen, und werde auf keine Anforderungen eingehen, die man ihm stelle. Bon hier aus wandte er sich zum Rector des Gymnasiums, dankte ihm für die Menschenfreundlichkeit, mit welcher er sich seines Neffen angenommen, und deponirte eine beträchtliche Summe, deren Zinsen zu Stipendien armer fleißiger Schüler verwendet werden sollten. Hiermit war er freilich mit allen denen fertig, welche sich der beiden Waisen angenommen hatten, und er unterließ es, dem reichen Mayer und den anderen wohlhabenden Familien, in welchen Markus und Lina für ihre Dienste einen armseligen Lohn empfangen hatten, seine Aufwartung zu macken, so sehr diese sich auch darum bewarben. „Man darf die Arbeit der Bedürftigen nicht ausnutzen, und wer dies thut, ist nicht bloß unbarmherzig, sondern schadet dem Gemeinwesen. Amerika wäre nicht so groß, und wüchse nicht riesig über alle Länder hinweg, wenn nicht Jedem für seine Arbeit voller Lohn gewährt würde'', sagte er wiederholt und bethätigte es vor kommenden Falles selbst. Dafür ging es an ein Aufsuchen aller seiner Jugendbekannten, und er brachte ihnen, wo es nöthig, Hülfe und reichliche Geschenke. Aber er schüttelte den Kopf, wie wenige von ihnen er wiederfand. In den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit hatten die meisten sich entfernt, waren gestorben oder verdorben. Wer sollte auch, wenn irgend Kraft in ihm war, in dem armseligen Neste Zurückbleiben, das trotz aw seiner früheren Herrlichkeit zu einer bloßen Ackerstadt herabgesunken war! Der größte Glanz strömte aber von unserem wiedergekehrten Fremdling am nächsten Sabbath aus. Als er in die Synagoge trat, war es mit der Aufmerksamkeit auf .den Gottesdienst aus. Alles umringte ihn; wer ihn noch nicht gesprochen, bewillkommnete, wer dieses Glück schon gehabt, begrüßte ihn; die Frauen steckten die Köpfe durch die Gitter der Gallerie oder darüber hinaus; man führte ihn im Triumphe auf die erste Stelle, und obschon der alte Cantor seine brillantesten Festmelodien losließ, und sich selbst so weit vergaß, einige sehr melancholische Gesänge von Thischea Beaf und Jom Kippur hineinzumischen, weil sie ihm Gelegenheit gaben, die noch vorhandenen Reste seiner Stimme seiner Meinung nach glänzend anzubringen, so war doch das Geschwirr und Geschwätz noch stärker und die Anstrengung des bejahrten Sängers fast eine verlorene Mühe. Die Ruhe stellte sich erst wieder her und ging in eine lautlose Stille über, als die Thora herausgehoben, aus den Almemor gebracht unv aufgerollt und unser Samwel aufgerufen wurde. Man freute sich und nickte sich zu, als er die Segenssprüche noch so geläufig mit voller männlicher Stimme sprach, und nun war man gespannt, denn es galt, zu vernehmen, was er „menadder sein" d. h. für die Gemeinde und ihre Anstalten geloben würde. Nun wissen wir nicht, ob der kleine Paktolus, den Samwel in der That jetzt ausströmen ließ, seine Zuhörer mit Befriedigung oder nicht erfüllte, ob er über oder unter ihrer Erwartung geblieben. Denn wir haben weder die Zeit nock die Lust, in die Geister der versammelten zahlreichen Gemeinde zu blicken und die Vorstellungen zu bemesien, die sie sich ihrer Einbildungskraft nach gemacht hatten.' Und doch war dieser Goldstrom an Breite und Tiefe ein recht -ansehnlicher und ergoß seinen blinkenden Inhalt in jede Casse, in jeden Verein und Dienstzweig der Gemeinde, ja suchte sich noch einige eigenthümliche Flußbetten zu öffnen, um gleich kleinen Canälen die dürre Flur der Gemeinde zu bewässern. Samwel trat herunter, von den Segenswünschen mancher Herzen begleitet und von den Danksagungen Aller empfangen, denn, welcher Meinung sie auch über das Gehörte wären, einem so reichen und freigebigen Manne beugt man sich auf jeden Fall; man kann nicht wissen, was man noch von -ihm haben könnte. An Gesuchen und Bittschriften fehlte es denn auch nicht, und die ausschweifendsten Ansprüche waren nicht die seltensten. Dies war denn auch dem Manne bald zuviel und da ihm die kleinlichen Verhältnisse des Städtchens, die er so ganz anders fand, als sie ihm in seiner, der Jugend entstammten Vorstellung erschienen waren, zusammengeschrumpft, armselig und widerwärtig, nahm er alsbald seine „Kinder" mit sich und reiste nach der Residenz ab. Markus und Lina gingen freudig mit; denn obwohl sie einen tiefen Schmerz über die Trennung von der Stätte ihrer Kindheit, von den braven beiden alten Leuten, den einzigen, die ihnen Liebe erwiesen, von den Gräbern ihrer Aeltern empfanden, so verging dieser doch bald unter den großen Erwartungen, die sie sich von. ihrem neuen Aufenthalte und ihrer ganzen Zukunft , gebildet, und sie hatten den Oheim schon sehr lieb gewonnen. Markus freilich hätte den Cursus im Gymnasinm gern zu Ende gebracht, und trennte sich ungern von den Lehrern, die ihm ihre Gunst geschenkt hatten. Lina aber konnte den Augenblick nicht erwarten, wo sie aus den drückenden und ihr zum Theil entehrend scheinenden Verhältnissen heraus in eine neue Welt eintreten konnte, die ihre rege Phantasie mit den schönsten Bildern bevölkerte. Reb Chone und seine Frau waren fast untröstlich über den Verlust der „Kinder" und glaubten sich anfangs gar nicht daran gewöhnen zu können. Wen sollte Chone nunmehr bewundern, und mit wem Frau Chone zanken?

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