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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-08-22 · Heft 34 (22.8.1871) · p. Seite 685

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 34 (22.8.1871)
Date
1871-08-22
Page
Seite 685 (sequence 17)
Language
German
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l l g e rn e i n e ♦ Feuiüeton-Sellage zu Ur. 34. Leipzig, den 22. Llugust 1871. Auf und nieder. Erzählung. (Fortsetzung.) Dieser Oheim war ein leichtfertiger Bursche gewesen, der mit gleicher Gewandtheit Geld verdiente wie ausgab, und deshalb in seinen Verlegenheiten nicht selten zu seinem einzigen Bruder und besten geringen Hülfsmitteln seine Zuflucht nehmen mußte. Endlich war sein Deficit so groß, daß ihm Lob nicht mehr zu helfen vermochte, und er entschloß sich, den damals noch ungewöhnlichen Weg der Auswanderung nach Amerika zu betreten, sowohl um seinen Gläubigern zu entgehen, als auch um, wie er fest entschlosten war. ein reicher Mann zu werden. Dies gelang ihm denn in der westlichen Halbkugel durchaus nicht. Er versuchte es in jeder möglichen Weise, war heute Koch und morgen Kellner, aber Alles mißlang ihm, Fleiß, Speculation, die größte Anstrengung aller seiner Kräfte, die schwersten Entbehrungen, Alles half zu nichts und brachte ihn eher rückals vorwärts. Er entschloß sich daher, Amerika wieder zu verkästen, und begab sich nach Batavia in die Dienste eines Holländers. Bis dahin hatte er von Zeit zu Zeit d. h. nach Jahren, an seinen Bruder geschrieben, dem diese Briefe allerdings keine tröstlichen Hoffnungen brachten. Dann verstummte er und wurde in der Heimath vergessen. Stillschweigend mochte wohl die Erinnerung an ihn bisweilen durch die Seele Lob Samwel's gegangen sein; was aber keinen Gegenstand zur Besprechung giebt, darüber gehen die Gedanken schnell hinweg und kehren immer seltener darauf zurück. In Batavia änderte sich die Lage für ihn sehr bald. Seiner Geistesgewandtheit bot sich ein reiches Feld nach allen Himmelsgegenden hin, er machte sich schnell unabhängig, fand Genosten, welche ihm bedeutende Dättel boten, und so erwarb er im Laufe einiger Jahre, wie er sagte, ein kolostales Vermögen. In dem wüsten Getreibe und bei dem erschlaffenden Klima vergaß er Europa's und seines einzigen Bruders, und auch ihm entschwand die Erinnerung, die er im Glücke nicht bethätigte, während sie sich in seinen Mißgeschicken immer wieder aufgedrängt hatte. Seine Gesundheit schwankte aber in dem verzehrenden Klima dev großen holländischen Niederlassung, und um dem drohenden Uebel rechtzeitig zu entgehen, verließ er Batavia wieder und ging nach Amerika zurück. Aber stets noch von der Begierde, seine Reichthümer zu vermehren, beherrscht, wohl auch von der Lust an der Thätigkeit und am aufregenden Wechsel gewagter Unternehmungen, ließ er sich auch' jetzt wieder in weitreichende Speculationen ein, und da ihm nun einmal dieser Boden nicht günstig war, verlor er einen großen Theil seiner Schätze wieder. Verdrießlich über diese Verluste, raffte er, was ihm geblieben, zusammen, und dieS war, seiner Versicherung gemäß, für europäische Verhältnisse noch ein enormes Capital, und suchte die heimathlichen Stätten wieder auf. Was er hier über die letzten Jahre seines Bruders, über das Schicksal seiner Kinder erfuhr, verursachte ihm große Reue, da er sich sagen mußte, er hätte mit einigen Tropfen aus seinem überschäumenden Becher dem verschmachtenden Bruder, der wiederholt sein Letztes mit ihm getheilt hatte, Erquickung, vielleicht Erhaltung seiner Lebenskraft darreichen können. Ein Blick auf die Armuth, ja man möchte sagen Schmach, in welcher seine einzigen Verwandten, die Kinder seines Bruders, die Jahre ihrer Kindheit verbringen mußten, während er mit geringen Opfern ihnen das angenehmste Loos hätte bereiten können, schmerzte ihn tief, denn er traf hier wieder auf seinen ihm wohlbekannten Fehler, die Leichtfertigkeit, welche zumeist größeres Unglück anrichtet, als selbst die Schlechtigkeit. Er nahm sich daher rasch vor, das Uebel wieder gut zu machen, und als er erst das treffliche Zwillingspaar kennen gelernt, wollte er sich nicht wieder von ihm trennen- Das liebebedürftige Herz der beiden Geschwister klammerte sich denn auch bald an die etwas rauhe, aber doch feste Stütze, waren sie doch nicht an so viele und zarte Liebe gewöhnt, daß sie sich von den etwas ungehobelten Manieren deS Amerikaners, von der rücksichtslosen Weise seiner Reden und Geberden abgestoßen gefühlt hätten. Es war also sehr bald großer Jubel in Rab Chone'S niedriger Hütte, ein Jubel, in welchen dieser ehrenwerthe SchammeS nebst seiner klugen Gattin mit vollem Herzen einstimmte, da selbstverständlich aus dem goldnen Füllhorn des Oheims auf die Erzieher der „Kinder" einige duftende

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