Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1871)
- Date
- 1871-08-22
- Page
- Seite 674 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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674 Psalm 118, 21. Wir legen diese Casualpredigten mit wirklicher Befriedigung aus den Händen, da unter ihnen recht schöne Erzeugnisse unserer Homiletik sich vorsinden, alle aber vom Geiste eines echten Patriotismus und wahrer humanitärer Anschauung beseelt sind. — Auch eine nicht geringe Anzahl von Broschüren hat sich bei uns angesammelt. Wir heben zunächst hervor: ,,Ueber die zweckmäßigste Eintheilung der sabdaihlichen biblischen Borlesungen innerhalb eines dreijährigen Cyclus, nach talmudisch-massorethischen Grundsätzen; als offenes Sendschreiben an die bevorstehende zweite israel. Synode, nebst einem Anhänge über die Vereinfachung des öffentlichen Gottesdienstes an Sabbath und Festtagen, herausgegeben von Di. B. Hochstädter, Bezirksrabbiner zu Bad Ems. Mainz, Gottsleben, 1571." Man kann sagen, daß dies der erste Versuch ist, die Eintheilung für den dreijährigen Cyclus auf eine priucipielle Basis zu bringen, und sie so willkürlicher Behandlung zu entziehen. Wir können daher diese Abhandlung allen Denen zur Beachtung empfehlen, welche sich für diesen Gegenstand interessiren und damit zu thun haben, um so mehr, als die dabei angestellte Untersuchung auch einen wissenschaftlichen Werth besitzt. — Die Polemik gegen und für das Judenthum geht nicht immer durch die weiten Kreise der Welt; nicht selten entsteht sie und spinnt sich ab innerhalb kleinerer Gebiete und nimmt gewissermaßen einen provinziellen Charakter an. Hier ist sie aber von nicht minderer Wichtigkeit. Denn waS ihr in solchem Falle an Ausdehnung mangelt, das wird ihr au Bedeutung durch die starke örtliche Verbreitung, durch die Wirksamkeit auf die Bevölkerung der betreffenden Gegend ersetzt. Wir hatten vor Kurzem eine solche Polemik in Esens (Ostfriesland), jüngst in Münster, diesem Lande des strengsten Katholicismus. Um den Angriffen, welche jetzt so vielfach auf die ultramontane Kirche geschehen, zu entgegnen, machte man im Mai im „Westphälischen Mercur" den Versuch, die Juden in Mitleidenschaft zu ziehen, indem ihnen in einem Artikel vorgeworfen wurde, sich allzuviel an diesem Kampfe zu betheiligen, während sie doch in ihrem Talmud sehr viele menfchengehässige und abergläubische Lehren hätten. Der Seminardirector Dr. Kroner in Münster suchte den Verfasser des Artikels auf, ging mit ihm die citirten Talmudsteüen durch und zeigte ihm theils das falsche Citat, theils die irrige Auffassung. Der Verfasser des Artikels berichtete im gedachten Blatte hierüber und erklärte sich für verständigt. Dies ließ den Professor Ur. Rohling daselbst nicht schlafen, und er gab eine Broschüre heraus: „Der Talmudjude. Zur Beherzigung für Juden und Christen aller Stände. Münster, Russell 1871." Wir brauchen uns über dieses Machwerk nicht weiter auSzulassen, denn vr. Kroner trat ihm sofort mit einer Broschüre entgegen: „Entstelltes, Unwahres und Erfundenes in dem „Talmudjuden" Prof. Dr. Aug. Rohlings. Münster, Obertüschen 1571," in welcher er nachwies, daß der Herr Professor 61 Talmudstellen citirt hat, von denen 29 verdreht oder entstellt, 27 gar nicht vorhanden, also erfunden sind, und bei 3 sich Druckfehler finden. So treiben deutsche Gelehrte die Wissenschaft, wenn sie den Talmud betrifft. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß dieser Schriftevwechsel in dortiger Gegend einen großen Eindruck und schließlich viele Befriedigung hervorgebracht hat. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 3. August. Bei der am heutigen Tage von der Königlichen Akademie der Künste vorgenommenen PrciSvertheilung konnte das für einen Bildhauer jüdischer Religion bestimmte Michael Beer'sche Stipendium nicht ertheilt werden, da eine Preisarbeit eines solchen nicht eingelaufen war. Dahingegen war unter den von dem akademischen Senat prämiirten Schülern der Akademie ein Israelit, Siegmund Gerechter, aus Berlin, Maler. Berlin, 10. August. (Privatmitth.) Es ist eine erfreuliche Erscheinung, eine Stelle, die lange ein verdienstvoller Mamr inne gehabt, bei dessen Scheiden aus derselben wiederum durch einen Würdigen besetzt zu sehen. In dieser glücklichen Lage befindet sich die Samfonsschule'zu Wolfenbüttel, welcher zu Michaeli d. I. ein Wechsel in der obersten Leitung bcvorsteht. Ihr bisheriger Director, Herr vr. Ph. Ehrenberg, der sein Amt durch einelange Reihe von Jahren zum Segen der Anstalt verwaltete, tritt bekanntlich mit dem Beginne des nächsten Quartals in den Ruhestand, und zu seinem Nachfolger ist, wie wir aus Braunschweig erfahren, Herr Realfchullehrer