Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1871)
- Date
- 1871-08-22
- Page
- Seite 670 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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670 nicht Männer von Einsicht und gutem Willen fanden, um die entschieden günstige Stimmung in angemessener Weise zu benutzen. Gehen wir einfach auf die Sachlage selbst ein. Früher sagte man öfter, und man kann es noch jetzt häusig hören, daß die Verhältnisse der russischen Juden so überaus verworren wären, ein solcher, aus den verschiedensten Fäden zusammengesügtcr Knoten, daß die Lösung desselben fast unmöglich wäre; cs kämen hier die verschiedensten Ursachen und Wirkungen zusammen, so daß der Weg der Verbesserung kaum zu sinden sei. Jndeß seit geraumer Zeit darf man dieses Argument, durch welches man das Nichts- oder Wenigthun rechtfertigen will, nicht mehr gelten lassen. Jeder Einsichtsvolle 'und Unparteiische weiß jetzt, daß die wesentlichste Ursache alles UebelS für die russischen Juden in der Beschränkung ihrer Wohnplätze, in der übermäßigen Anhäufung innerhalb der Grenzen weniger Provinzen, und hier wiederum in den Städten, die sie zum größten Theile anfüllen, besteht, und daß der einzige Weg der Lerbesserung die Gewährung der Freizügigkeit ist — alle anderen Mittel sind secuudär, weil, so lange dieses Hauptübel nicht beseitigt ist, von geringem Erfolg. Wir haben dies seit 1845 unaufhörlich wiederholt, und heute äußern sich alle Stimmen, die im Geiste der Gerechtigkeit aus Rußland selbst ertönen, in gleicher Weise. Es ist dies demnach zu einem Axiom geworden. Freilich sind nun den russischen Juden (wir bezeichnen hiermit alle dem russischen Scepter unterworfenen Juden) einige Concessionen betreffs der Freizügigkeit gemacht worden; aber diese haben in ihrer Beschränkung wenig genützt, dagegen viel geschadet. Man hat zunächst den jüdischen Kaufleuien erster Gilde Freizügigkeit gemährt. Dies war ein Hülfsmittel für die Neichen, ihre Geschäftsreisen noch weiter und erfolgreicher auszudehnen. Gerade hierdurch wurde jener Neid, jene Befürchtung gefährlicher Concurrenz in vielen christlichen Kreisen geweckt, Neid und Besorgniß, durch welche von jeher den gesummten Juden so viel Nachtheil bereitet worden, und die sich mit ihrer Feindseligkeit auf die gesammle Judenheit werfen, während nur einzelne Veranlassung dazu geben. Andrerseits fehlen nun die reicheren Mitglieder den mit Armen überhäuften Gemeinden, welchen dadurch Ansehen, Nahrung und Unterstützung in empfindlichem Maße entzogen werden. Ferner wurde die Freizügigkeit, obschon unter erschwerten Bedingungen, den H a n d w e r k e r n zugcsianden. Aber auch dies konnte von nur geringem Erfolge sein, und hatte seine Schattenseiten. Der in seiner Heimath mit gutem Erfolge arbeitende Handwerker sieht sich nicht veranlaßt, nach ihnem ihm unbekannten Orte zu ziehen, wo er sich erst mühsam eine Kundschaft erwerben müßte. Dem armen Handwerker aber fehlen die Mittel, nach der Ferne zu ziehen, sich hier zu etabliren, die erste Zeit sich zu erhalten, bis er für sich und die Seinigen irgend lohnende Arbeit gefunden hat. Dagegen benutzten manche Taugenichtse und Abenteurer entweder ihre Meisterbriefe oder solche, die sie sich um ein Geringes zu erwerben verstanden, um in andere Städte einzudringen und in ganz andere Erwerbszweige einzutreten. Während daselbst der achtbare, ehrliche jüdische Kaufmannsstand fehlte, stand es den Leuten dieser Art frei, dem jüdischen Namen manchen Schandfleck anzuheften. Endlich wurde der mit Auszeichmmg studirenden Jugend die Staatscarriöre eröffnet. Wir haben sehr ehrenvolle Beispiele zu nennen Gelegenheit gehabt. Im Ganzen aber waltet hier dieselbe Schwierigkeit wie anderswo. Das geschriebene Gesetz ist noch keine Bürgschaft für die vollständige Ausführung desselben, lieber diese hat, wie es in der Natur der Sache liegt, die Verwaltung freie Hand, und es giebt, wie wir wissen, selbst Circulare einzelner Ministerien, welche die Anstellung von Juden sehr er schweren. So sind zwar jüdischen Capacitäten die akademischen Lehrstühle nicht ganz vorenthalten, aber an den Schulen, namentlich den Gymnasien, werden Juden nicht angestellt, obschon dies mit einigen bornirten Karaiten schon geschehen ist. Diese unparteiische und aus den gewissenhaftesten Berichten gezogene Darstellung zeigt hinlänglich, wie es mit den in Sachen der Freizügigkeit geschehenen Zugeständnissen beschaffen ist, und wie sie noch so weit von einer größeren Verwirklichung dieses ersehnten Rechtes entfernt sind, daß sie für die Gesammtheit so gut wie gar nichts bedeuten. Unterdeß aber sind in der russischen Welt wieder Strömungen und Stimmungen aufgekommen, welche mehr oder weniger den Juden sehr feindlich sind und ihre Existenz bedrohen. Es giebt in Rußland bekanntlich zwei große Parteien, die sich überhaupt nicht freundlich gegenüberstehen: die moskowitische und die deutsche. Die erstere ist wesentlich panslavistisch, sie will eine Bereinigung aller flavischen Stämme, natürlich unter der Oberherrschaft der Moßkowiten; sie will vor Allem dir Russisicirung aller in Rußland seßhaften Nationalitäten, und hierzu als geeignetstes Mittel die russisch-griechische Kirche. Die deutsche Partei will selbst-