Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1871)
- Date
- 1871-08-15
- Page
- Seite 667 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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697 Wie's dort dämmert, wie's dort taget, wie der Morgen dort erglüht, Wie er seine Liebesfunken bis zu uns herübersprüht! Wie die Lerch als Tagesbote jubelnd sich zum Himmel schwingt, Wie ihr Lied, das kühne, freie, bis zu uns herüberklingt! Funk und Lied, wie Blitz und Donner treffen sie manch Aug und Ohr, Rütteln all die langen Schläfer schreckend aus dem Schlaf empor. Doch du hörst nicht, gläubger Jude, schlägst die Brust mit dürrer Hand, Leib und Seele sehnsuchttrunken nach dem Osten hingewandt. Nun so harr Venn, bis am Himmel hoch des Westens Sonne strahlt, Und den gvldnen Traum der Freiheit auf den Leichenstein dir malt! Der achte Tag. Von des Mondes blauen Strahlen, wie von Elüthen übergosien, Wacht noch liebend eine Mutter, hält den Säugling eng umschloffen; Wie sie's Knabchen herzt und koset, küffend es im Arme wieget, Ihrer Wange blaffe Rose an das junge Knöspchen schmieget! Mutterlust, du kannst nicht strahlen aus des Dichters kalten Bildern — Eine Mutter müßte dichten, soll sie Mutterliebe schildern, Das Gedicht, es wäre sicher eine Thräne nur gewesen, Doch man könnte all die Wonne in der einen Thräne lesen. Weh! schon blickt die Morgensonne aus den dunklen Wolkenrisien, Doch sie birgt ihr weinend Antlitz in des Ostens Purpurkiffen, Denn dem zarten Knäbchen künden ihre morgenrothen Gluthen: Heute graut dein achter Morgen — heute, Kindlein, mußt du bluten! Mutterschmerz, dich malt kein Dichter, fort mit all den kalten Bildern — Eine Mutter müßte dichten, soll sie Mutterliebe schildern, Das Geoichi, es wäre sicher eine Thräne nur gewesen, Doch man könnte all die Schmerzen in der einen Thräne lesen. Stolze Mütter, die ihr prahlet mit den ruhmgekränztcn Söhnen, Die da kämpfen, wo Drommeten für das Menschenrecht ertönen, Seht hierher! es reicht die Mutter hin das Kind zur blut'gen Taufe, Daß es sich für Blut und Thränen, Schmach und Spott und Hohn erkaufe. Weine nicht, du armer Knabe! Aus dem Blute, das geflossen, Seh ich in der Zukunft Sonne schön der Freiheit Rose sprossen, . Und die Thräne, bange Mutter, die da glüht an deinen Wangen, Sehe ich als Thauesperle an der Freiheit Rose hangen. Zudenthum und Christenthum. AuS altem, morschen Feldgesteine Wuchs eine Tanne kühn hervor, Sie stand im goldnen Sonnenscheine, Sah frei zum Himmelsdom empor. Es sprach der Fels in seinem Harme: „Nur nicht zu stolz, du junger Baum, Ich trage dich, die Wurzelarme Umschlingen mich, du kennst mich kaum! Ich bin gewohnt, daß man mich schätze, Und jeder Stein sollt' heilig sein, Die ersten Tafeln der Gesetze, Die Gott einst gab, sie waren — Stein." „„Ich darf den Blick zum Himmel wagen,"" Sprach drauf die Tanne, frei und stolz, „„Ich Hab den Heiland einst getragen, Das Kreuz, aus dem er starb, war — Holz."" So stritt der Baum mit dem Gesteine, Doch hat der Streit sie nicht getrennt; Noch grünt der Baum im Sonnenscheine, Es bleibt der Fels sein Fundament. Eine sntyrislhe Vision. Die Sage und die Sitte eines Volkes sind der Ausfluß seines Geistes und gelben den Stoff her zu seinen dichterischen Schöpfungen. In diesen offenbart sich der Charakter des Volkes, sein Sinnen und Streben, sein künstlerisches und moralisches Anschauen. Beginnt fein Blick sich zu schärfen, das Selbstbewußtsein zu erwachen, so lächelt es über seine kindlichen